Ich bin ein Scanner!

Nein, damit meine ich nicht dieses Gerät, dass man in vielen Haushalten und Büros findet, mit dem man Dokumente oder Bilder vervielfältigen und danach ausdrucken kann! Tatsächlich kann dieser Begriff sehr viel bedeuten. Scanne ich nun Menschen und analysiere sie? Oder habe ich einfach ein fotografisches Gedächtnis und mein Kopf funktioniert wie ein Scanner? Nichts dergleichen! Wobei – das fotografische Gedächtnis habe ich sehr wohl. Fluch und Segen zugleich, ich sag’s euch! Aber, die Scanner-Persönlichkeit ist ein Begriff aus der Psychologie und bezeichnet Menschen mit einer Vielbegabung. 

Seitdem ich denken kann, hatte ich das Gefühl, dass ich nicht normal bin. Dieses Gefühl gab man mir zugegeben auch immer schon. Mit gerade einmal neun Jahren schliff meine Mutter mich zu einem Psychologen und ließ mich auf diverse Krankheiten testen. Denn schon als sehr junges Mädchen hatte ich leicht autistische Züge – andere Menschen langweilten mich schnell, soziale Kontakte hatte ich selten auf lange Zeit und auch Hobbies waren bei mir so schnell wieder weg, wie sie kamen. Nach einigen Tests stellte sich schnell heraus, dass ich ein ganz normales Kind war. Wobei normal durchaus Auslegungssache ist! Schon früh wurde klar, dass ich hochbegabt bin. Da ist es ja beinahe selbstredend, dass die Schule mich von Anfang an unterforderte. Nun möge man denken, dass meine Noten dadurch überragend waren, allerdings führte meine Unterforderung dazu, dass ich keine Lust mehr auf Schule hatte und daher leider nur ein Mittel-prächtiger Schüler war! 

In den letzten Wochen und Monaten habe ich mich eingehend mit meiner Psyche befasst. Den versprochenen Text über Depressionen liefere ich euch auch noch, allerdings ist dieses Thema so umfangreich, dass ich diesen Artikel gerne erst in einigen Wochen präsentieren möchte! Beim wühlen in meinem Unterbewusstsein habe ich jedenfalls spontan entschlossen, dass ich ein psychologisches Gutachten in Auftrag geben möchte. Manchmal brauchen Dinge eben doch einen Namen! Gesagt, getan – also, ging ich zu einer Therapeutin und machte erneut einen Test. Vor wenigen Tagen bekam ich dann den Anruf und die „Gewissheit“, dass ich eine Scanner Persönlichkeit bin. Aber wieso genau erzähle ich euch das hier? Ich weiß, dass es da draußen nicht viele Menschen wie mich gibt, aber es gibt sie. Und genau wie es Menschen mit Depressionen, Psychosen, Angststörungen, Essstörungen oder einfach „nur“ Opfer von Mobbing gibt, die denken, sie seien allein in dieser Welt und niemand wäre wie sie oder würde sie verstehen – gibt es auch Menschen mit einer Scanner Persönlichkeit, die nicht mal wissen, dass diese Schublade überhaupt existiert. Vielleicht kennt auch einfach nur der eine oder andere von euch jemanden der so ist und kann mit diesem Artikel hier für einen Funken Klarheit am dunklen Himmel sorgen. 

 

 

Was genau sind denn nun diese ominösen Scanner? Geprägt wurde der Begriff von der amerikanischen Autorin Barbara Sher. Sie beschäftigt sich seit Jahren in ihrer Arbeit vor allem mit Menschen, die Schwierigkeiten in der Zielfindung und Motivation haben. Im Grunde sind dies eben einfach nur Menschen mit einer Vielbegabung. Aber was genau bedeutet das? Starten wir ganz vorn: Mein halbes Leben lang nannte man mich Überlebenskünstler oder Multitalent. Der meist gesagte Satz seither: „Mensch Bella, was kannst Du eigentlich nicht?!“ – drei absolvierte Ausbildungen, ein Studium und mit Ende 20 vor einem Trümmerhaufen, aus dem man irgendwie nichts Halbes und nichts Ganzes bauen kann. So habe ich mich durchs Leben geschlagen. Hat bis hier her auch wunderbar funktioniert und genau DAS macht sie aus – die Scanner Persönlichkeit. Mit 19 stellte man bei mir erneut eine Hochbegabung fest – einige Tage nach einem amtlichen IQ Test rief man mich leicht stammelnd an und teilte mir mit, dass mein Ergebnis 158 betrug. Nunja – toll! Wirklich etwas verändert hat diese Tatsache nichts an mir, meinem Leben oder gar meinem Alltag. Erst jetzt, 9 Jahre später und um eine „Diagnose“ und somit einen Stempel bzw. eine Schublade, in die ich zu passen scheine, reicher, wird mir so einiges klar. Scanner Persönlichkeiten sind Menschen, die eine sehr ausgeprägte Neugier an einer Vielzahl von Themen besitzen. Neue Dinge werden wie bei einem Schwamm aufgesogen und sind nicht mehr interessant, sobald man (scheinbar) alles über sie weiß. Die meisten meiner potentiellen Arbeitgeber haben mir Sprunghaftigkeit und wenig Durchhaltevermögen vorgeworfen, da ich in keinem meiner erlernten Berufe weiter tätig sein wollte. Auch zwischenmenschliche Beziehungen sind für mich Teil des Ganzen. Ich weiß so langsam nicht mehr wie oft ich mir anhören durfte, dass ich hochnäsig oder hochtrabend sei, weil ich einfach in 90% der Fälle alles besser wusste und auch noch Recht behielt. Ich würde mir persönlich niemals das Recht raus nehmen über Menschen aufgrund ihrer Intelligenz oder ihrer Bildung zu urteilen – und dennoch langweilen mich „einfache“ Menschen zu schnell. Daher hatte ich in meinem Leben auch nie wirklich langanhaltende Freundschaften oder gar Beziehungen. Nach kürzester Zeit war ich der Situation überdrüssig. Das Ganze ging so weit, dass ich mich fragte, was ich in meinem Leben so schlimmes angestellt hatte, dass mich die Menschen um mich rum so sehr hassten. Ich datete Menschen, zwang mich selbst in Beziehungen, die mich nach kurzer Zeit nicht nur langweilten, sondern regelrecht nervten und am Ende lag es wohl wirklich an mir – aber auf eine andere Art, als ich es immer dachte.

Ich kann nicht aus dem Stand heraus die Quersumme aus Käsekuchen hoch 20 ziehen – dennoch bin ich Hochbegabt seit meiner Kindheit. Man merkt es mir einfach nur nicht in allen Lebenslagen an. Auch ich gebe viel zu oft ziemlich dämliche Dinge von mir und das ich vollkommen okay. Trotzdem belastete mich meine eigene Sprunghaftigkeit in den letzten Jahren enorm – nicht, weil ich sie selbst falsch fand oder finde, sondern weil meine Mitmenschen mir unentwegt mitteilen, dass das nicht normal ist. Und mal unter uns: wer will schon unnormal sein? Oder krank? Eine Scanner-Persönlichkeit ist oft ein Mensch, der an Ideen, Interessen und Möglichkeiten übersprudelt. Wenn ich mich als Beispiel nehme… bei mir hört dieser Fluch nicht bei den Ausbildungen auf. Ich hatte in meinem Leben schon gefühlt alles als Hobby. Angefangen bei Rudern, über Boxen, bis hin zu zeichnen, häkeln, nähen, tanzen, singen, Gitarre spielen, schauspielern und zuletzt sticken. Alles das übte ich eine Weile aus, bis ich es gut konnte und dann dauerte es meist nicht lang, bis ich mich langweilte und in Richtung neuer Ufer schwamm. Die meisten Menschen denen ich begegne rollen irgendwann mit den Augen, weil sie nicht glauben können oder wollen, dass jemand in meinem Alter schon so viel gemacht, erlebt und gelernt hat. Manchmal glaube ich es selbst nicht – offen gestanden. 

 

©karrierebibel.de

 

Ich denke, dass nun alle, die bis hierher gelesen haben wissen, was eine Scanner Persönlichkeit ist. Damit ist das Ziel dieses Artikels hier allerdings nur zum Teil erfüllt, denn der eine oder anderen von euch wird sich vielleicht sogar in den Erzählungen oder eben in mir wiedererkennen? Das ist super! Vor nicht allzu langer Zeit traf ich auf einen Menschen, der meinem Drang nach Wissen und Neuem noch immer standhält. Das erste Mal seit vielen, vielen Jahren schafft es ein Mensch mich nicht stetig zu langweilen und irgendwie erdet mich diese Tatsache ungemein. Es ist befreiend zu sehen, dass man durchaus „unnormal“ sein kann und dort draußen in der Welt Menschen sind, die damit klarkommen und dies durch ihre eigene, nicht normale, Art sogar ergänzen. All jene, die sich nun in diesem Artikel hier wiedererkennen dürfen sich sicher sein, dass es vollkommen okay ist nicht normal zu sein! Es ist vollkommen okay in den Augen anderer sprunghaft zu sein, solange man selbst sich so akzeptiert. Dieser Weg hat mich viele Jahre gekostet und auch heute denke ich oft noch, wie viel einfacher mein Leben bisher gewesen wäre und sicher noch werden würde, wenn ich mich irgendwann Mal so richtig für irgendwas entschieden hätte. Vielleicht hätte ich jetzt einen gesicherten Job, ein Haus oder eine Familie – vielleicht aber auch nicht. Ich habe mich nun dazu entschieden ein eigenes Café zu eröffnen und der Gedanke, dass das ein Ding für die Ewigkeit werden könnte macht mich momentan zeitgleich glücklich und verängstigt mich. Am Ende bin ich aber eben da, wo ich gerade bin und offen gestanden möchte ich auch nirgendwo anders lieber sein als dort, wo ich gerade stehe!