Iago 

von Mu Producións


!! Trigger Warnung !!

In diesem Beitrag findet ihr Links, die euch zur Homepage der Stierkampf-Dokumentation weiterleiten. Dort seht ihr explizite Bilder und Videoaufnahmen. 


Vor kurzem erst habe ich einen Gastbeitrag über Tinder geschrieben und schon hat mich diese geistlose App von ihrem Nutzen überzeugt! Seit einigen Tagen war Iago schon in meiner Stadt zu Besuch, als wir ein Match hatten. Wir kamen ins Gespräch. Der 28-jährige Spanier war nicht einfach nur hier, er war auf Europatour mit seinem kürzlich gedrehten Film. Iago selbst lebt vegan und drehte drei Jahre lang eine Dokumentation über Stierkämpfe – diesen Menschen MUSSTE ich unbedingt treffen, wenn er schon Mal hier war. Gesagt, getan! Wir trafen uns am örtlichen AZ, gingen ausgiebig mit meinen Hunden spazieren und am Ende stand er mir für ein Interview Rede und Antwort. 

Iago ist ein unglaublich ruhiger und zuvorkommender Mensch. In der kurzen Zeit mit ihm fiel auf, dass er mit seinen jungen Jahren schon echt viel Elend gesehen und erlebt hatte. Die Gespräche mit ihm waren unglaublich spannend! Da soll nochmal einer sagen Tinder beheimatet nur Idioten! Dieses Treffen nimmt ab sofort meinen Platz eins ein, wenn es um spontanes Aufeinander treffen geht. Damit ihr davon auch was habt, habe ich hier einige Informationen über Iago und seine Dokumentation. BULLFIGHT ist der erste Dokumentarfilm, der einen Stierkampf zeigt, wie er wirklich ist: mit Schmerzen, mit echten Klängen und mit der fachlichen Erklärung dazu, was mit dem Stier dort passiert. Nichts anderes – keine Musik, die ablenkt und keine Kommentare, die Meinungen beeinflussen würden. Bald ist Iago auf dem Weg nach Bremen und es wird noch einige weitere Termine geben, an denen er den Film in Deutschland kostenlos zeigen wird, ehe er in Spanien in die Kinos kommt. Bei seinen Screenings ist Iago selbst vor Ort und führt anschließend eine lange Diskussionsrunde, bei der er die echten Utensilien eines solchen Kampfes vorführt. Die kommenden Termine findet ihr hier – ihr solltet euch den Film nicht entgehen lassen, wenn ihr die Möglichkeit habt zu einem der Screenings zu gehen. Allein die Geräusche des Trailers haben in mir schon wieder so einiges ausgelöst. Stierkampf ist weltweit noch in 11 Ländern legal. Allein im letzten Jahr starben in der Arena rund 10.000 Stiere, während in den letzten 30 Jahren nur zwei Stierkämpfer starben – und die Menschen die das Ganze befürworten sagen, dass es sich um einen fairen Kampf handelt. Fair.. Ich merke, wie es in mir schon wieder brodelt, deshalb lasse ich das an dieser Stelle und leite zum Interview weiter – wie viel Zeit, Geld und Emotionen in dem Film stecken hat mir Iago heute erzählt…

Das Interview wurde auf Englisch geführt und von mir ins Deutsche übersetzt.

 

Wie kam es dazu, dass Du diese Dokumentation über Stierkämpfe gedreht hast?
Der Toningenieur Seul Sepulveda veröffentlichte 2015 einen Text. Darin erklärte er, wie unterschiedlich die Geräuschkulisse bei Stierkämpfen im Vergleich zu dem sind, was das Mikrofon tatsächlich aufzeichnet. Diese Tatsache brachte uns zum Nachdenken darüber, wie unterschiedlich etwas wiedergeben werden kann, nur durch die Art, wie man es filmt. Für uns war der Stierkampf die beste Methode dies zu unterstreichen. Warum sollten wir die Leistung des Kämpfers kommentieren, aber nicht die Verletzungen des Tieres? Warum sollten wir das Klatschen der Öffentlichkeit hören, aber nicht die Schreie des Stieres? Warum sollten wir die Bewegungen der Stierkämpfer sehen, aber nicht das Blut das er vergießt?

Wie viel Zeit und Geld habt ihr für die Produktion investiert?
Knifflige Frage. Es gab so viele Ausgaben, die ich schon nicht mehr zählen kann, aber allgemein: 2015 begannen wir mit diesem Projekt. Allein zehn Monate waren nötig, um die Genehmigung zu bekommen und weitere zwei Monate, um alles vorzubereiten. Das Filmen allein hat nur drei Stunden gedauert – da wir nur diesen einen, kompletten Stierkampf gefilmt haben – und uns 4‘500 Euro (für Kameras, Sound-Equipment, Mietwagen, Benzin und Mahlzeiten) gekostet. Einen Teil des Geldes bekamen wir durch wohltätige Konzerte von einigen lokalen Künstlern. Außerdem haben wir Shirts verkauft und einige Partys geschmissen – aber ich persönlich habe etwa 70% dieser Kosten selbst getragen. Ein weiteres Jahr war für die Nachbearbeitung (Farb- und Tonkorrekturen und Aufnahme des Kommentators) nötig. Ich kann nicht genau sagen, wie viel Geld wir in diesen Schritt investiert haben, da ich es ehrlich gesagt nicht weiß. Ich lebe in Corula und musste in dieser Zeit häufiger ins 600km entfernte Madrid reisen, dann die Festplatten – ich glaube, ich möchte lieber gar nicht wissen wie viel wir hierfür ausgegeben haben. Die Verbreitung der Dokumentation ist sehr aufwendig. Der erste Schritt ist die aktuelle Europatour, in die wir erneut 4‘500 Euro investiert haben – und wir hoffen, dass wir alles davon wieder einnehmen können. Der zweite Schritt ist die spanische und portugiesische Tour – hier wollen wir mehr investieren, aber auch mehr dadurch zurückbekommen. Der nächste Schritt über den wir dann nachdenken ist Lateinamerika – wenn alles gut läuft, haben wir das Projekt 2020 beendet, nach 5 Jahren harter Arbeit und Ausgaben von mehr als 15‘000 Euro.

War das filmen leicht für Dich?
Technisch gesehen, ja. Emotional, war es der härteste Job überhaupt. Technisch gesehen haben wir einfach nur eine Veranstaltung gefilmt. Die Crew hatte keine Ahnung von Stierkämpfen, war aber zusammen gestellt aus den besten Kamaraleuten und Tontechnikern. Sie wussten also, was sie tun. Emotional war es was ganz anderes. Ich selbst war nicht im Innern der Arena, weil ich dazu zwölf gute Leute dort hatte. Aber es war immer noch so schwierig für mich, nicht nur, weil es ein Stierkampf war, sondern auch, weil ich wusste, dass das Ganze jeden Moment – nach einem Jahr harter Arbeit – scheitern könnte. Aber am Ende lief alles gut und ich werde mich immer an die Worte eines Technikers erinnern: “Ich schäme mich für die Menschheit!“ – danach aß er nie wieder Fleisch. Ein anderer sagte: “Du hast jetzt den besten Dokumentarfilm über Stierkämpfe – mach was draus!”.

 

 

Hattest Du Angst vor den Reaktionen der Menschen während des Kampfes?
Dahin gehend hatten wir wirklich Glück. Auf der einen Seite hatten wir die Genehmigung, aber die Leute haben uns überhaupt nicht vertraut. Fünf von uns hatten das ganze Wochenende in einem Haus, in einer Stadt in der Nähe verbracht – 450km entfernt von unserer Heimatstadt, wo es keine Stierkampfarenen mehr gibt. Es war ein kleines Dorf mit maximal 300 Einwohnern und wir freundeten uns mit einer älteren Dame an. Sie war ein großer Unterstützer von Stierkämpfen und lud uns zu zwei Stierrennen ein – eines davon in der Nacht vor dem Kampf und eines am selben Morgen. Ich nahm die Einladung an und ging natürlich hin. Vor Ort sahen die Leute (und die Polizei), dass ich mit ihr freundlich umging – glücklicherweise sorgte dies dafür, dass die Menschen uns fortan vertrauten und uns unseren Job in der Arena machen ließen.

Möchtest Du noch mehr Dokumentationen drehen?
Ich drehe nun schon seit zehn Jahren Dokumentationen. Ich möchte damit gerne weiter machen, aber ich würde nicht noch einmal ein so großes Projekt ohne Sponsoren anfangen. Aber in diesem Jahr habe ich beispielsweise als Drehbuchautor und Produzent an einem Dokumentarfilm, über Tourismus und Sozialismus in Kuba, mitgearbeitet. Ich hatte noch mehr Angebote bekommen, musste sie aber alle ablehnen, da ich mich erst einmal auf die Stierkampf-Dokumentation konzentrieren möchte. Sollte mir jedoch ein Thema zusagen, dann bin ich sicher nicht abgeneigt.

Wie können die Menschen beim Kampf gegen Stierkämpfe helfen?
Nun, zunächst einmal sollten die Menschen überhaupt wissen, was Stierkämpfe sind – das ist das Hauptziel unserer Dokumentation. Es gibt viele Wege gegen etwas zu kämpfen und am Ende sollte jeder für sich selbst entscheiden, welcher für sie oder ihn der Beste ist. Aber es ist wichtig, dass man klarstellt, welche moralischen Prinzipien, Taktiken und Ziele man vertritt und verfolgt. Und man sollte nie vergessen, dass die Basis einer jeder Organisation die Kommunikation ist. Das Ganze braucht kein Logo oder Namen – wichtig ist nur die offene Kommunikation zwischen allen Teilnehmern, für einen solchen Kampf.

 

Zu Dir als Person

 

Welcher Mensch kommt Dir in den Sinn, wenn Du das Wort „Erfolg“ hörst – und warum?
“Erfolg” ist der Titel eines Kurzfilms, den ich mit dem Schauspieler Alberto da Sinda gemacht habe. Aber abgesehen davon, würde ich sagen, meine Mutter, weil sie eine starke Frau ist, die dazu in der Lage war, mich groß zu ziehen – obwohl sie kein Geld hatte, als sie mit 18 mit mir schwanger wurde. Die Kämpfe, die jeder von uns mit sich selbst hat, sind die härtesten und wichtigsten.

Auf welchen Werten beruhen Deine täglichen Handlungen, Entscheidungen und Pläne?
Ich halte mich für einen Anarchisten und in der Tat bin ich ein sehr militanter Anarchist. Also versuche ich, meine Handlungen auf Werte wie gegenseitige Unterstützung, Altruismus und Solidarität zu stützen… Ich versuche, niemanden zu verurteilen und die Welt von einem anderen Standpunkt als meinem eigenen zu sehen – dem eines weißen, heterosexuellen Europäers.

Welche Hoffnungen hast Du?
Eine soziale Revolution.

Und welche Hoffnungen hast Du längst aufgegeben?
Einen sicheren Job zu haben, der mir viel Geld einbringt.

Was würdest Du heute Deinem jüngeren ich raten?
Zerstöre diese verrückte Welt und bau eine neue auf!

Welcher Job war der schlimmste den Du je hattest?
Einmal musste ich kündigen, nachdem mein Ex-Chef mich zwei Jahre lang psychisch missbrauchte. Das war einer der drei schlimmsten Jobs, die ich je hatte. Die Filmindustrie ist voll von Snobs und egoistischen Menschen, die sich um niemand anderen kümmern, als sich selbst.

Was würdest Du selbst für viel Geld nicht tun?
Ich lehnte bereits sehr gut bezahlte Jobs ab, weil es um Werbung für illegale Prostitution ging. Außerdem habe ich eine lange Liste von Menschen und Unternehmen, für die ich nie arbeiten würde. Aber, ganz oben: Nachrichtensender und Zeitungen, ganz egal, auf welcher Seite sie stehen.

Wie sieht die erste Stunde Deines Tages aus?
Wie ein Universum voller Möglichkeiten: Ich kann jeden Tag tun was ich will!

Wie stellst Du Dir Armut vor?
Voller Solidarität. Als ich “La Bahíaen Pie (Bay rised up)” filmte, interviewte ich Familien mit zwei oder drei Kindern, die weniger als 300 Euro pro Monat zur Verfügung hatten – und trotz dessen luden sie uns zum Mittagessen ein, nur weil wir ihre Geschichte drehten und gegen diese unfaire Situation kämpften.

Wenn Du eine Stadt wärst, welche wärst Du und wieso?
Barcelona in den frühen 30er Jahren – denn sie war die wichtigste, anarchistische Stadt der Welt, bis Franco die Kontrolle übernahm.

Wenn Du als Tier wiedergeboren wirst, welches möchtest du sein?
Als Buckelwal, weil er andere Tiere in Schwierigkeiten verteidigt und ihnen hilft.

Welchen Film muss man zwingend gesehen haben?
Pulp Fiction.

Welche 3 Bücher haben Dich am meisten beeinflusst?
Schlampen mit Moral*, The Conquest of Bread* und Wir amüsieren uns zu Tode*. Aber wenn man mich zu einer anderen Zeit fragen würde, wären es sicher wieder drei andere.

Wenn Du den Rest Deines Lebens nur noch 3 Dinge essen könntest, welche wären das?
Hummus, Paprika und Bier.