Winterdepressionen

Der Filling Your Hate Seelenstriptease

Also wirklich, sei halt einfach glücklich! – ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft ich diesen Spruch in meinem Leben schon gehört habe. Einfach glücklich sein, wenn das so einfach wäre! “Aber das ist doch nur eine Winterdepression” – sagen mir ständig Menschen und ich kann meistens nur mit einem müden Lächeln entgegnen. Wer entscheidet eigentlich, wann es okay ist traurig zu sein? Wer entscheidet, ob es okay ist traurig zu sein? Ich denke, das entscheidet jeder für sich und niemand hat das Recht über den Gemütszustand eines anderen zu urteilen. Heute saß ich mit meiner Mutter auf der Couch und sie sagte zu mir, dass es ein Phänomen sei, dass ich gerade dann immer von Depressionen geplagt werde, wenn eigentlich alles gut ist und Super läuft.

Depressionen sind kleine Monster

Sie sehen, wenn es dir gut geht und sind dann der Meinung, dass du sie nun am besten ertragen kannst. Dann schlagen sie so richtig zu. Wenn es dir ohnehin schon schlecht geht, aus welchen Gründen auch immer, nehmen selbst die größten Monster sich ein wenig zurück und schonen dein Gemüt. – das war meine Antwort und meine Mutter konnte mir nur Recht geben. Ich bin es leid, dass Menschen mir sagen, dass das doch nur ein Winterblues oder eine Herbstdepression sei. Ich bin es leid, zu hören, dass ich doch eigentlich echt gut aussehen würde und keinen Grund hätte traurig zu sein. Ich bin es leid mich rechtfertigen zu müssen, weil ich nicht lächle. Ich bin es leid, mich rechtfertigen zu müssen, weil ich nicht glücklich bin. Ich bin es leid, mich verteidigen zu müssen, weil es mir schlecht geht, obwohl es anderen Menschen auf der Welt viel schlechter geht. Ich bin es leid, traurig zu sein und das nichts diese Laune zu bessern vermag. Ich bin es leid, dass auch die kleinsten Dinge mich triggern. Ich möchte nicht mein Leben lang weiter kämpfen. Ich möchte keine Psychopharmaka nehmen und ja, ich akzeptiere meine Depressionen, nach über 15 Jahren, so langsam als Teil von mir und trotzdem warte ich seit Jahren auf einen neuen Therapieplatz. Man kann Dinge nicht bekämpfen, die man leugnet. Auch Depressionen sind nicht zu bekämpfen, solange sie ein Fremdkörper bleiben. Sei deinen Freunden nah und deinen Feinden noch näher! Natürlich möchte ich glücklich sein und natürlich möchte ich auch einfach mal nicht nur weinen müssen. Niemand ist gerne in einem solchen Loch und niemand sucht sich das aus!

“Du musst schon zugeben, dass Depressionen echt zur Mode geworden sind!” – Nein. Muss ich nicht.

Depressionen zu haben bedeutet nicht, dass man mal hier und da einen schlechten Tag hat oder, dass man über einen traurigen Film weint. Vor einiger Zeit fragte ich meine Leser und Leserinnen, ob sie von Depressionen befallen sind und falls ja, wie sich diese für sie anfühlen. Die meisten schilderten dieses kleine Monster genau so, wie ich es selbst wahrnehme. Man ist eingeengt, erdrückt und hilflos. Ich vergleiche meine Schübe immer ganz gerne mit einem Wassertank. Man fühlt sich wie ein Delfin im Delfinarium. Eingesperrt in einem kleinen Becken, man kann allerdings nicht atmen und alle um einen rum schauen nur zu, denn niemand kann helfen und man selbst droht dabei zu ertrinken. Man versucht zu atmen und erstickt dennoch. Man versucht aufzutauchen, dreht und wendet sich, schlägt gegen die Scheiben, versucht zu schreien und trotzdem bleibt die Situation die selbe. Man ist gefangen. Im Grunde hilft nur so lange auszuharren wie es nur irgendwie möglich ist und zu hoffen, dass der Stöpsel irgendwann nachgibt und das Wasser aus dem Tank ablässt. Meistens dauert dies bei mir eine oder zwei Wochen. Dann füllt der Tank sich wieder nach und nach – auch wenn das Tempo variiert – irgendwann ist er wieder voll und der Kampf ums Überleben geht von vorn los.

Wir leben in einer Generation, in der traurig sein nicht gerne gesehen ist. Wobei, wann war Traurigkeit eigentlich in mode? Eigentlich nie. Also: Wir leben in einer Generation, die von Einsamkeit geplagt ist. Freundschaften sind meist so flüchtig wie der Wind im Sommer. Die wirklichen und wahren Freunde sind zwar da, aber dann kommt das Erwachsen sein dazwischen. Es fehlt die Zeit und auch die Energie, sich ständig zu sehen und so verbringt man Abende meist allein. Die neuen Freundschaften sind meist eher oberflächlich gestrickt. Sie kommen und gehen. Ein flüchtiges “Wie geht’s dir?” alle paar Wochen macht mich zu weilen eher wütend, als dass ich mich über die geschenkte Aufmerksamkeit freue. So genannte Freunde melden sich meist dann, wenn Priorität eins oder zwei keinen fruchtbaren Boden brachten und fragen dann “total spontan” ob man Lust hätte was zu machen. Seien wir mal ehrlich – Jeder von uns hat so etwas doch schon getan. Eine Freundin oder ein Freund sagen ab, man ist aber mental und körperlich schon vorbereitet auf einen netten Abend – wieso also nicht Freund oder Freundin XY fragen, weil man sich ja ach so lang nicht mehr gesehen hat. Aber: Wo sind diese Freunde, wenn man sie wirklich braucht? Wahre Freunde? Habe ich zwei. Eine Generation die so gespickt ist von Egoismus, verleitet unheimlich dazu Menschen traurig zu machen. Manche davon eben auch dauerhaft.

Gerade, wenn das kleine Monster mich mal wieder aktiv plagt, denke ich über solche Dinge nach. Ich sitze auf meiner Couch, ziehe mich völlig zurück und grüble, wer meine wahren Freunde sind und wie man es nur mit mir aushalten kann. Die meiste Zeit finde ich mich selbst ziemlich super und bin auch sehr gerne mit mir allein. Während das kleine Monster zu Besuch ist, zweifle ich aber jede meiner Begegnungen an und finde Fehler an mir, die eigentlich keine Fehler sind. Das kleine Monster verleitet zu Selbsthass, wo sonst Selbstliebe herrscht. Auch während eines aktiven Schubs lache ich. Ich erzähle Witze, gehe unter Menschen und esse normale Dinge. Wie es in mir aussieht und was davon nur Maske ist, dass weiss eben niemand und das ist vielleicht auch der Sinn dahinter. Für Depressionen muss es kein Winter sein. Der Beziehungsstatus hat damit nichts zu tun. Die finanzielle Lage spielt keine Rolle und auch das soziale Umfeld ist völlig egal. Jeder oder jede kann betroffen sein und man merkt es dem Menschen nicht einmal an. Es ist also nicht das Recht der anderen zu beurteilen wie krank oder wie betroffen jemand ist. Ratschläge sind nicht angebracht und meist nicht einmal erwünscht.