Filling Your Hate:

Lieb doch so viele Du willst!

Endlich finde ich die Zeit das Thema Offene Beziehung für euch in einem Artikel zu behandeln – da mir das Ganze sehr am Herzen liegt und ich sicher gehen wollte, dass ich alle offenen Fragen beantworten kann, wollte ich diesen Artikel nicht mal eben so nebenbei runterklatschen, wie ich es sonst gerne mal tue. Das Thema Offene Beziehung ist sehr emotional und da ich oft mit schrecklichen Stigmata und Vorwürfen beschmissen werde, wollte ich mich entsprechend vom dem Ganzen lösen und möglichst neutral an die Sache ran gehen – also: here we go! 

Tallulah knows that she’s not the only one I’m holding close. On the low, I get vertigo from body overdose!

I’m losing myself in you
and you, and you, and you, and you…

[YUNGBLUD – Cotton Candy]

Allem anderen voran möchte ich betonen, dass man das Bild dieses Artikels nicht wörtlich nehmen darf und sollte. Ich finde nicht, dass Monogamie verwerflich ist oder gar beendet werden sollte. Solange Consent – also Absprache und Zustimmung – aller Beteiligten Menschen vorhanden ist, darf jede Konstellation der Welt existieren. Zumindest für diese Gruppe von Menschen. Für mich persönlich kommt Monogamie nicht mehr in Frage. Es gab in den letzten Jahren immer mal wieder klägliche Versuche meinerseits, doch wieder im goldenen Käfig Platz zu nehmen – wie man sieht, sind diese allerdings alle gescheitert. Bei meinen bisherigen Umfragen auf Instagram fiel mir vermehrt auf, dass viele meiner Abonnenten von dem Thema Offene Beziehung schlichtweg keine Ahnung haben und sich das Ganze völlig wirr und falsch vorstellen. Jede Offene Beziehung läuft anders und das ist auch gut so – das einzige, was alle gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass man nicht nur mit einem Menschen intime Zeit verbringt. Fangen wir also bei den Basics an…

Was bewegt einen Menschen dazu offen leben zu wollen?

Viele Paare öffnen eine langjährige Beziehung aus Verzweiflung. Im Bett läuft es nicht mehr, die Gespräche sind eingeschlafen oder die Angst etwas zu verpassen ist gegeben. RED FLAG ALERT – diese Situationen sollten niemals der Grund sein, eine Offene Beziehung anzustreben. Meist unterzeichnet dies nur das endgültige Todesurteil der Beziehung. Im Bestfall bewegt einen Menschen die Gewissheit, dass man für mehr als einen Menschen Zuneigung oder Liebe empfinden kann und darf dazu, Poly leben zu wollen. So war es zumindest bei mir. Ich hatte einen Partner und war glücklich. Über beide Ohren verliebt und zufrieden mit dem, wie es zwischen uns lief – trotzdem gab es noch einen anderen Menschen, für den ich ähnlich empfand. Anfangs habe ich dieses Gefühl ignoriert, dann unterdrückt und am Ende schlecht geredet, weil ich nicht vermeintlich untreu sein wollte. Ich befasste mich mit dem Thema offene Liebe, offene Beziehung, Polyamorie, Polygamie – und Monogamie wurde für mich immer unrealistischer. Ich sprach mit meinem damaligen Partner darüber und wir entschieden uns gemeinsam die Beziehung zu öffnen. Die Betonung liegt hier auf GEMEINSAM. Diese Entscheidung darf niemals nur von einem Teil einer bereits bestehenden Beziehung getroffen werden. Auch hier ist Consent wieder das Stichwort! Es dauerte damals nicht lang, da hatte auch mein Partner einen zweiten Menschen gefunden. Am Ende scheiterte die Beziehung zwar, allerdings nicht an der Tatsache, dass wir beschlossen hatten sie zu öffnen. Denn es gibt weitaus mehr Gründe, aus denen Beziehungen scheitern, als Eifersucht oder die böse Untreue.

Untreue ist ebenso ein Thema

“Du willst Dich doch nur durch die Welt vögeln und kannst nicht treu sein!” – das ist wohl die meist gehörte Aussage ever, wenn ich Menschen erzählte, dass ich Poly lebe. DAS ist aber schlichtweg gar nicht der Punkt. Eine Offene Beziehung bedarf einer Menge Kommunikation, Arbeit, Vertrauen und Ehrlichkeit. Meiner Erfahrung nach sogar weitaus mehr, als es eine Monogame jemals würde. Monogamie setzt viele Dinge einfach voraus, die man aus reiner Gewohnheit nicht hinterfragt und für so selbstverständlich hin nimmt, dass man darüber nicht reden muss. Es gibt keine Sextreffen mit anderen Menschen und auch keine weiteren Partner:innen – Absprache in diesen Punkten fällt also schon mal weg. Aber auch in einer Offenen Beziehung kann man den oder die Partner:in betrügen, indem man von dem dritten Glied im Bunde einfach nichts erzählt. Heimliche Treffen sind genau so falsch wie in einer Monogamen Beziehung. Für die meisten geht es dabei auch nicht rein um den sexuellen Part oder darum, dass man sich austoben möchte. Ich persönlich möchte nicht als Eigentum eines anderen Menschen gesehen oder behandelt werden – weder von diesem Menschen, noch von anderen oder gar mir selbst. Und da kommen wir zu dem Punkt, den ihr alle am gefährlichsten empfandet: Die Eifersucht. 

Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft

Ich musste Eifersucht erst aktiv verlernen, schließlich hat man sie mir völlig selbstverständlich anerzogen. Von klein auf habe ich gelernt, dass Monogamie das einzig richtige ist und dass es durchaus gesund und normal ist, auf alles und jeden eifersüchtig zu sein. Traurig, aber leider bittere Realität bei den meisten Menschen. Natürlich kann ich mich noch immer nicht zu 100% davon frei sprechen und das ist auch vollkommen in Ordnung, denn hier greift das wichtigste in einer Offenen Beziehung: Kommunikation! Darüber zu reden, dass man sich mit etwas unwohl fühlt hilft meist schon dabei, von den negativen Gedanken los zu kommen. Gerade wenn ich in einer schweren Zeit bin, vermeide ich es bei Dates meines Partners zuzustimmen. Ich sage klar und deutlich, dass ich ihn gerade brauche – und damit ist das Thema beendet. Es steht dem oder der Partner:in dann natürlich frei trotzdem zu gehen, aber da sind wir dann bei einer weiteren RED FLAG, dem toxischem Verhalten. Denn sowohl der oder die Partner:in, als auch die dritte beteiligte Person sollten genug Verständnis aufbringen können, dass gewisse Situationen Prioritäten sind. Das ist nicht der Regelfall und sollte es auch nicht werden! Der Regelfall ist eher, dass ich mich freue, wenn mein:e Partner:in eine schöne Zeit mit jemandem verbringt und den beiden viel Spaß wünsche. Wenn man allerdings ein von Grund auf eifersüchtiger Mensch ist und davon redet, dass man “SEINE:N Partner:in nicht teilen will oder wird”, dann wird eine Offene Beziehung nicht in Frage kommen. Zumindest nicht so lange, wie man diesen Gedanken nicht überdenkt.

Regeln sind das A und O

Egal ob man gemeinsam entscheidet den Schritt aus der Monogamie zu wagen und eine bestehende Beziehung zu öffnen – oder ob man sich als Single in der Datingwelt rumtreibt. Gemeinsam zu Wachsen ist großartig und wertvoll. Meine bisherigen Begegnungen zeigten allerdings, dass man sich auf einem ähnlichen Stadium dieser Reise befinden sollte. Ein Mensch, der seit Jahren offen lebt und damit sehr routiniert umgeht, vielleicht schon eigene Regeln, Voraussetzungen und Erfahrungen gesammelt hat – wird es vermutlich eher schwerer haben mit einem Neuling, der oder die Dinge wie Eifersucht und Absprachen erst noch lernen müssen. Aber auch da bestätigen Ausnahmen die Regel! Kommunikation und Austausch werten die eigenen Erfahrungen immens auf! Ich vernetze mich beispielsweise gerne mit Menschen, die ebenfalls Poly leben – denn offene Beziehungen sind so vielseitig wie wir Menschen selbst. Jede Beziehung hat ihre eigenen Regeln – ja, richtig gelesen, Regeln! Die sind unabdingbar! Jede Begegnung sollte auf Kommunikation und Absprachen gestützt sein. Man sollte von Anfang an zu sich und allen anderen bedingungslos ehrlich sein. Aber wozu braucht es Regeln? Ich konzentriere mich beispielsweise in den ersten Wochen einer neuen Partnerschaft immer nur auf den einen potentiellen Menschen – das macht aus mir noch lange keinen monogamen Menschen, trotzdem finde ich, dass gerade zu Beginn einer neuen potentiellen Partnerschaft, die Priorität auf einer Person liegen sollte. Wann sich das ändert bedarf dann eben erneuter Absprache. Regeln legen fest ob weitere Partnerschaften eine Option sind oder “nur” Sex mit anderen. Es wird geklärt ob man wissen möchte mit wem sich der oder die andere trifft – oder ob man allgemein Details möchte. Ich persönlich hatte auch schon die Ehre in einem Dreieck leben zu dürfen und hatte kein Problem damit, dass sich meine Partnerin und mein Partner küssten, wenn ich dabei war. Bei flüchtigen Geschichten meiner Partner wollte ich dann häufig trotzdem keine Details, außer die Info, dass sie ein Date haben. Spontane One Night Stands schließe ich für mich übrigens aus – denn da fehlt die Kommunikation zu anderen beteiligten Menschen einfach viel zu oft.

Offene Beziehungen sind kein wahr gewordener feuchter Traum

Um alle Vorurteile mitzunehmen, darf natürlich auch dieses nicht fehlen! Sex hatten wir in diesem Dreieck damals übrigens trotzdem keinen zu dritt – das war eine unserer Regeln. Dabei handelt es sich auch um ein 0815 Stigmata, welches ich häufiger höre. “Dann stehst Du doch bestimmt auf Gangbang oder Dreier!” – Nein, einfach nein. Das eine hat mit dem anderen null Komma überhaupt gar nichts zu tun. In meinem Artikel über Sexismus und Sex hatte ich das Thema Offene Beziehung schon einmal angesprochen. Während man als Mann häufig gefeiert wird, weil man “den Traum lebt”, ist man gerade als Frau hier sehr oft mit Vorurteilen konfrontiert. Man ist direkt leicht zu haben oder billig, nur weil man nicht nur mit einem oder einer Partner:in leben möchte. Es gab Zeiten, in denen ich meinen Wunsch Poly zu leben auf Seiten wie Tinder und Co. verheimlicht habe.  Nicht nur dort, sondern auch in meinem privaten Umfeld – sogar allgemein. Aber ich bin satt mich dafür zu schämen,d dass ich mehr als einen Menschen lieben kann und will. In Zeiten mit einer ganzen Generation, in der Freundschaft Plus das normalste der Welt ist, sollte es ebenso normal sein, Verantwortung für solche Zusammenkünfte übernehmen zu können und zu wollen. Nur, weil ich mich nicht als Eigentum eines Menschen sehen möchte, heißt dies nicht, dass ich mich nicht binden kann oder will. Seitdem ich mit dem Thema offen umgehe, läuft mein Datingleben auch um Welten entspannter. Ich treffe zu 90% auf Menschen, die entweder schon selbst in einer Offenen Beziehung leben oder eine solche anstreben. Das erleichtert das ganze ungemein und ich möchte sowas wirklich nicht mehr missen müssen. 

 


 

Die Moral von der Geschicht’?

Die einzig richtige Beziehungsform gibt es nicht!

Jeder Mensch muss für sich selbst und die Beteiligten entscheiden, wie es laufen sollte. Niemand sollte andere für die frei gewählte Beziehungsform denunzieren oder verurteilen. So unterschiedlich wie Beziehungen sind, so unterschiedlich sind auch die Beweggründe, die Menschen dazu bringen diese auszuleben. Jede Liebe ist großartig!

 


Und jetzt seid ihr gefragt! Verleiht diesem Artikel eure Stimmen! Hast Du noch etwas zum Thema beizutragen und ich darf Dich hier drunter anonym zitieren? Dann freue ich mich über eine Nachricht von Dir!

 

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