72 Tage überfällig

oder: wie vier Millimeter mich nachhaltig veränderten

Es ist Mal wieder an der Zeit für ein neues Meisterwerk in der “Filling Your Hate”-Sparte und es soll heute um nichts geringeres gehen, als: die Pille! Eigentlich war für mich immer klar, dass ich niemals über dieses Thema hier schreiben werde. Aber wie sagt man so schön: sage niemals nie – denn meistens hat man einen Plan und dann einen neuen Plan und am Ende kommt alles anders als gedacht! So kam es nun dazu, dass ich hier über das Thema Pille schreibe. Ich war immer einer der Menschen, die es besonders genervt hat, wenn andere gegen die Pille gewettert haben. Die Pille ist böse. Die Pille beeinträchtigt den Körper. Die Pille erzeugt Krebs. Die Pille erzeugt Depressionen. Die Liste der Dinge, die andere an diesem Arzneimittel bemängeln ist lang und ich war immer im Team “Wenn man seine Gründe dazu hat, soll man dieses Präparat ruhig nehmen”. Ich hatte durchaus meine Gründe, aber fangen wir bei Null an… 

Wie bei den meisten Frauen fing auch meine Beziehung zu der Pille in meiner frühen Jugend an. Mit 15 schliff meine Mutter mich zum Gynäkologen, weil ich Probleme mit Übergewicht, fettiger Haut und Akne hatte – zugegeben nicht der beste Grund um ausgerechnet zu diesem “Facharzt” zu gehen. Mir wurde, wie bei den meisten anderen Frauen auch, direkt die Pille ans Herz gelegt und schon damals hätte ich ahnen müssen, dass die Beziehung zwischen mir und meiner Pille keine einfache wird, denn das erste Präparat erzeugte bei mir schweres Nesselfieber. Wisst ihr was Nesselfieber ist? Der ganze Körper juckt, man hat riesengroße Flächen von Ausschlag und möchte sich am liebsten die Haut vom Körper schälen. Nicht angenehm der Scheiß! Keine zwei Tage nachdem ich die Valette nahm – ein Präparat, dass die meisten Ärzte damals blindlinks einfach mal an alle Mädels verschrieben hatten – bekam ich den nächsten Blister aufs Auge gedrückt. Diesmal passte der Name fast wie die Faust aufs Auge: Belara! Die gute Belara und ich mussten allerdings erstmal noch einige Tage warten bis wir in unser gemeinsames (Un)Glück starten konnten. Der Gynäkologe klärte mich damals zwar nicht groß und umfangreich über die Pille auf, sagt mir allerdings, dass ich sie erst am ersten Tag meiner Periode nehmen durfte und das tat ich natürlich auch brav. Von all den Nebenwirkungen und Dinge, die man beachten muss erzählte mir damals natürlich niemand etwas und so ist es auch heute noch bei den meisten jungen Frauen die ohne nachzudenken ja sagen, wenn ihnen der “Arzt des Vertrauens” die Pille verschreibt.  

 

 

Ohje! Ich merke, dass ich sehr nach den Menschen klinge, bei denen ich vor einigen Monaten noch mit den Augen gerollt habe, wenn das Bashing gegen die Pille wieder von vorne begann. Ein wirkliches Bashing soll das hier gar nicht werden – also zurück zur Beziehung von mir und den Hormonen. Ein Neustart mit der Belara ließ nicht lange auf sich warten und sorgte bei mir, ähnlich schnell wie das kurze Techtelmechtel mit der Valette, für hohes Fieber und kontinuierliches auslaufen aus allen Körperöffnungen. Yey! Ganze zwei Jahre und sieben mörderische Präparate später landete ich bei Jasmin. Wäre ich schlau gewesen, hätte ich damals einfach aufgehört. Aber wie schlau ist man schon als Teenie, dessen Freundinnen alle “sowas machen”? Nicht gerade schlau! Aber Jasmin war mein Hoffnungsschimmer nach etlichen Höllengängen. Es funktionierte! Ich hatte keine Nebenwirkungen, vollste Kontrolle über meine nervige Periode und endlich eine Freundin fürs Leben gefunden, die mir den Kinderseegen ersparen sollte.  

Aber da wir hier nicht bei Disney sind, sondern auf einem Blog im Netz, der gerne auch mal die nicht so gemütlichen Dinge des Lebens behandelt, war das natürlich noch lange nicht das “happily ever after”. Drei Jahre später hatte ich mich dazu durchgerungen, mir eine Spirale einsetzen zu lassen – damals war die Kritik an der Pille sehr groß und ich habe sie mir mit knackigen 20 natürlich sehr zu Herzen genommen. Wie mein Leben so gerne spielt, stellte man damals allerdings fest, dass ich eine der wenigen Damen auf diesem Planeten bin, die mit einer Endometriose beschenkt wurden. In Kurzform heißt dies, dass mein Uterus mindestens so extrovertiert ist wie ich und meine Gebärmutterschleimhaut gerne auch mal an Stellen wächst, an die sie nicht gehört. Nämlich außerhalb des Babyclubs! Klingt Scheiße, ist es auch. Tut nämlich die meiste Zeit höllisch weh und mit Spirale nochmal etwas mehr. Das Thema war also schnell durch und ich schluckte weiterhin fleißig und täglich meine Dosis Östrogene.  

 

Machen wir kurz einen Umweg zum Thema “Pille und Veganismus” – mit knackigen 21 entschied ich mich nämlich dazu vegan zu leben und strich fortlaufend so ziemlich alle Arzneimittel aus meinem Leben. Die einzige Ausnahme bildete mein Präparat gegen meine tierisch nervige Migräne und – genau – meine Pille. Nun ja, meine bisherige beste Freundin “Jasmin” war nun allerdings alles andere als vegan. Sie basierte auf Lactose UND wurde an Tieren getestet. Ich machte also einen letzten, zugegeben sehr dummen und riskanten, Versuch und stieg erneut um auf ein veganes Präparat namens Maxim. An dieser Stelle folgt, entgegen aller vorangegangene Szenarien, keine Horrorstory. Maxim und ich hatten 7 sehr intensive und zuverlässige Jahre zusammen. Vor einem Jahr kam dann das jähe Ende unserer Beziehung, als ich ein Medikament verschrieben bekam, für das es keine Alternative gab und dessen Einnahme unumgänglich war. Leider (oder eher zum Glück) war dieses Mittelchen nicht kompatibel mit meiner treuen Begleiterin und so mussten sich unsere Wege trennen.  

 

 

Erinnert ihr euch an den Absatz, in dem ich schrieb: “Ich hatte keine Nebenwirkungen […]”? Diese Aussage muss ich an dieser Stelle revidieren – logisch, sonst gäbe es diesen Beitrag hier ja nicht. Nach knapp 10 Monaten ohne Pille bin ich nun etwas schlauer und verstehe die Kritiker auch in fast allen ihren Punkten. Hätte man mir das damals gesagt, hätte ich nur gelacht. Ich empfand die meisten Aussagen immer eher als Panikmache und weniger als ernst zu nehmende Punkte gegen die Pille. Seit meiner frühen, frühen Jugend – also ungefähr seitdem ich 13 war – litt ich unter Depressionen. Diese waren zu Beginn eher larifari bis mäßig ausgeprägt. Mit den Jahren wuchsen daraus allerdings die größten Monster, die man sich vorstellen kann. Wieso ich das hier erwähne? Seit etwa acht Monaten sind diese Biester wie vom Erdboden verschluckt. Hier und da befinde ich mich mal in einem Stimmungstief, aber lange und intensive depressive Phasen, aus denen es keinen Ausweg mehr gibt, gibt es nicht mehr. Die letzten 16 Jahre gab es diese Löcher ohne Ausnahme mindestens alle 8 Wochen. Ob es da wohl einen Zusammenhang mit dem Absetzen der Pille gibt? Immerhin sagt man ihr ja nach, dass sie massiv zum Anstieg der Depressionsrate beiträgt. Next Topic – mit meinen Depressionen und einigen anderen mehr oder weniger großen “Wehwehchen” war ich einige Zeit in einer Therapie. Mein damaliger Therapeut diagnostizierte bei mir eine Anaphrodisie – auch gern Appetenzstörung genannt. Schon wieder so ein Fachwort und der nächste Hauptgewinn im Körperlotto. Yey! Diese Diagnose bedeutete in etwa so viel wie “kein Bock auf Sex und das chronisch und unfreiwillig”. Doppel-yey! Da ich nie wirklich wusste wie sich der normale Trieb so anfühlte war diese Diagnose für mich kein Verlust und ich nahm sie einfach so hin. Als ich die Pille nun aber absetzte, fand ich aus heiterem Himmel heraus was Libido eigentlich bedeutete. Da diagnostizierte vor Jahren ein Idiot (Ja, das war dieser Therapeut leider durch und durch.) etwas und am Ende war es doch nur die Sache, für die viele Menschen die Pille verteufeln – Libidoverlust durch die Hormone! Dieses 4mm große Ding hat also schon vor dem eigentlichen Beginn meines sexuell aktiven Daseins angefangen mir die Lust daran zu rauben. Dreifach-Yey

 

 

 

Die Pille begünstigt Krebs und das Wachstum von Fremdzellen. Ach Humbug! Oder doch nicht? Immerhin fand man bei mir Fremdzellen aka. einen Tumor im Hirn und einige weitere “auffällige Zysten” im Bereich der Leiste. Hängt sicher nicht mit der Pille zusammen! Diverse Fachärzte sagten da leider doch was anderes, denn seit absetzen der Pille stagniert auch das Wachstum dieser Zysten. Was für ein Zufall! Aber kommen wir nun zum Finale dieser Komödie, denn dieser Beitrag hier trägt ja nicht ohne Grund den Namen “72 Tage überfällig”. Ab dem Tag, an dem ich die Pille absetzte, fing mein Zyklus an den Rebellen zu spielen und mein Uterus stieg direkt mit ein. Eine nicht enden wollende Party aus nicht planbaren Menstruationen und Unterleibskrämpfen des Todes. Klingt wie ein Horrorfilm? Das ist es auch! Anfänglich war mein Körper noch so an die 15 Jahre Hormondröhnung gewöhnt, dass mein Zyklus gleichbleibend war. Ich bekam auch ohne Pille immer brav alle +/- vier Wochen meine Periode und fragte mich immer was diese ganzen Spinner eigentlich gegen die Pille hätten. Schließlich hatte ich – abgesehen von den Einstiegsproblemen – nie wirklich Ärger mit ihr. Wie wir wissen, weiß ich das mittlerweile besser. Zum Glück. Ich fing aus einer Laune heraus an in einer App meinen Zyklus zu tracken. Ich trug immer brav ein wann meine Periode einsetzte, wie stark sie war, was die Symptome dazu waren und alles war super. Bis mein Körper nach dem zweiten Zyklus frei von der zusätzlichen Östrogen Dröhnung war… 

 

 

Meine Periode setzte zwar nach wie vor geregelt ein, wurde allerdings begleitet von der Haut einer 14-Jährigen und Launen einer Furie. Symptome, die ich bisher nicht kannte. So zog sich das Ganze für zwei Zyklen weiter, bis ich plötzlich 2 Wochen überfällig war. Ich hatte zu der Zeit einen Partner und wurde natürlich direkt panisch. Es brauchte zwanzig Schwangerschaftstest und die Stimme einer Gynäkologin aus Richtung meines Schritts, ehe ich mir sicher war, dass da keine Wertanlage fürs Leben auf mich wartete. Meine Periode lies einfach nur auf sich warten und das sei “völlig normal”. Die Frage ist natürlich: WAS ist völlig normal? Da mich nie in meinem Leben jemand über die Folgen der Pille aufklärte ist es ja beinahe schon selbstredend, dass mir auch nie jemand erklärte wie der weibliche Zyklus – also mein Körper – funktionierte. Erschreckenderweise wissen das die meisten jungen Frauen heutzutage einfach nicht und das sollte sich schleunigst ändern! Ich füllte meine Wissenslücke auf und weiß deshalb nun auch, dass die Pille alles andere als super, harmlos oder unschädlich ist. Ich wartete nicht nur zwei Wochen ehe ich meine Tage bekam – meine App zeigte mir “72 Tage überfällig an” ehe die roten Fluten endliche die Pforte passierten. Bei einigen anderen setzt die Periode sogar für einige Monate einfach aus und das auch schon lange nachdem sie die Pille abgesetzt haben. Normal ist das nicht, das kann mir niemand mehr erzählen!  

 

 

Mein Zyklus macht seitdem was er will. Ich kann mich noch immer nicht darauf verlasse, dass alle 27 Tage Knock-Out Time ist und fühle mich konstant wie mein 13-jähriges ich, dass jeden Tag Angst hat, dass es mit dem Scheiß jeden Moment losgehen könnte. Ich kenne meinen Körper nun nach knapp einem Jahr ohne ValetteBelara, Jasmin, Maxim und Co. noch immer nicht zu 100%. Für mich ist allerdings klar, dass ich mir und meinem Körper so etwas nicht mehr antun werde. Egal was zukünftige Partner dazu sagen oder wozu andere Menschen mir raten. Der Partner ist meist auch einer der Gründe wieso Frauen die Pille wieder oder immer noch nehmen, dabei ist jeder von uns nur für seinen eigenen Körper zuständig und man hat auch nur den einen. Wenn es euren Partnern darum geht, dass ihr frei und unbeschwert wie die Karnickel bumsen könnt, dann gibt es eine Vielzahl an anderen Wegen zur Verhütung! “Ich möchte nicht, dass du deinen Körper verschandelst und akzeptiere es, wenn du die Pille nicht nehmen möchtest.” – das sagte der Freund einer Freundin letztens zu ihr. Hut ab, er hat es verstanden!  

 

 


Fun Fact

Die Pille ist super als Pflanzendünger – und das verrät ja auch schon so einiges!