Erdbeeren im Winter 

Yey oder Ney?

Vor zwei Tagen hat man uns eine Stunde des Tages geklaut und damit offiziell die Sommerzeit eingeläutet. So langsam lässt sich da draußen auch der Frühling mal blicken und verdrängt hoffentlich den Schnee und die Kälte bald dauerhaft! Jedes Jahr aufs neue fordert der Winter meine Nerven aber auf eine ganz andere Art und dieses Jahr motze ich das erste Mal zurück. Meistens reiße ich mich wirklich zusammen – vor allem wenn ich nicht privat auftrete sondern als Filling Your Mind – aber irgendwann ist auch da mal ein Punkt erreicht, an dem man sich einfach nicht mehr alles nur anhören muss.

Wie ihr der Überschrift schon entnehmen könnt geht es um Erdbeeren im Winter. Letztens hatte ich zwei Schalen davon beim Foodsharing vor der Tonne gerettet und mich darüber noch mehr gefreut, als ich merke WIE gut sie schon schmeckten. Natürlich kamen sie aus Spanien, aber hey – sie waren vor der Tonne gerettet! Ich postete ein Bild dazu in meiner Lunchbuddy Dose: Sushi und dazu ein paar der Erdbeeren und das Unheil nahm seinen Lauf… nicht nur hier bei Filling Your Mind, sondern auch in einer veganen Gruppe bei Facebook hielt man mir vor was für ein schlechter Veganer ich doch sei, weil ich Erdbeeren im Winter kaufe. Da soll (!) man als Veganer nachhaltig denken und ich scheiße einfach drauf. Dass ich sie gar nicht gekauft hatte spielte dabei keine Rolle – da postet man Erdbeeren und der meckernden Meute fällt vor lauter Wut die heimische Banane aus dem Hals.

 

 

Genau da fängt der Punkt an, an dem mir die Hutschnur so langsam zu reißen begann. Generell regt es mich unsagbar auf, dass gerade unter Veganern die Anfeindungen irgendwie kein Ende nehmen. Hier legt jemand fest, dass diese und jene Firma ja nur „pseudo-vegan“ sei, weil sie am Ende zu einer Firma gehört, die tierische Produkte verarbeitet – dort wird man gesteinigt, weil man Ersatzprodukte verzehrt. Echt jetzt? Leute! Wir kämpfen doch alle für das selbe Ziel! Weniger Ausbeutung von Tieren! Wenn nun eine Firma um die Ecke kommt, die leider die Tochterfirma einer nicht ganz so netten Firma ist, und ein revolutionäres Produkt auf den Markt wirft… und dieses Produkt dafür sorgt, dass der eine oder andere Kritiker nun endlich doch umdenkt… WIESO in dreiteufelsnamen muss man dann zur Rebellion und vor allem zum Boykott aufrufen? Das tun gerne jene die auch der Meinung sind Vegetarier sind nur zu schwach um endlich wirklich was zu bewirken. An dieser Stelle sei gesagt: ich sehe das anders! Jeder Schritt – und sei er noch so klein – ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ich habe fast vor Freude geweint, als meine Mutter nach 54 Jahren entschied ab sofort vegetarisch zu leben. Sie hat was kapiert! Und das ist es was zählt. Aber ich schweife ab…

Erdbeeren im Winter – darum geht es hier! Also, ich postete nun dieses Bild mit den geretteten Erdbeeren und die Meute entschied mich mit Avocados zu steinigen. Ihr seht was ich meine? Da echauffiert man sich über frische Beeren im Winter, futtert zeitgleich aber Obst und Gemüse, welches auf heimischen Gefilden nicht einmal im Ansatz wachsen würde, selbst wenn es das könnte. Ein Teil der Leute die sich über meine Erdbeeren aufregte – nach wie vor ohne überhaupt zu fragen OB sie gekauft sind – hatte einige Tage vorher noch ihren „super geilen Porridge mit Banane und Ananas“ gepostet. Banane… und Ananas… das deutscheste Obst was es auf Erden gibt! Hat überhaupt keinen Transportweg hinter sich und ist vom Bauern nebenan. Wir kapieren das nur alle nicht! Ich halte es hier mit dem Sprichwort, das ironischerweise Fleischesser gerne nutzen: Leben und leben lassen. Soll heißen – ich kotze dir nicht auf deine Bananen, also lass du mir auch meine Erdbeeren. Oder so ähnlich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Natürlich BRAUCHT man keine Erdbeeren im Winter – man BRAUCHT aber auch weder Avocado, noch Banane oder das Kokosöl vom Ende der Welt. Wir leben hier nun mal in Deutschland und sobald wir den Supermarkt betreten stehen uns die Tore der Welt offen. Kaffee aus Übersee, die ausgefallensten Sorten an Obst, Reis aus Indien, Salz vom Himalya, Käse aus Irland – die Liste ist endlos lang und das wenigste davon stammt eben aus Deutschland. Ich möchte hier nicht alle Erdbeer-Gegner über einen Kamm scheren, tatsächlich sind aber davon genau so wenige zu 100% regional und saisonal orientiert – wie die Firmenkritiker Selbstversorger sind. Bisher habe ich nämlich noch niemanden getroffen, der gegen Alpro oder Simply V wettert und im gleichen Atemzug auch keinen Supermarkt mehr betritt. Wer A sagt muss eben auch B sagen können – und das vergessen die meisten. Niemand ist perfekt. Wirklich niemand. Selbst Menschen die entscheiden sich selbst zu versorgen haben meist noch Laptop oder Handy zur Kommunikation und unterstützt damit auch wieder irgendwo, irgendwen, der mit Ausbeutung sein Geld verdient. Solange die Menschheit existiert wird das so bleiben – weil mindestens einer Hand voll Menschen immer das Wohl der anderen am Arsch vorbei gehen wird.

Für mich ist der Kauf von Erdbeeren im Winter übrigens auch NEY, denn sie schmecken einfach grausig. Mittlerweile hat sich das Klima auf der Erde allerdings so verändert, dass Erdbeeren auch im Januar schon echt gut schmecken – natürlich nichts im Vergleich zu denen die man im Sommer hierzulande selbst vom Feld pflücken kann, aber sie sind gut. Wenn ich nun also beim Foodsharing die Möglichkeit habe welche zu retten oder im Supermarkt welche sehe und unsagbar Bock drauf habe… why not? Ich liebe Erdbeeren, zumal ich sie als Kind nicht essen durfte und esse eben auch Bananen, Avocados, Ananas, Mango, Papaya und kaufe Gemüse, das eben nicht heimisch ist. Erdbeeren haben in anderen Ländern zu der Zeit eben Saison, weil es in anderen Ländern nachts sogar noch 20 Grad im Schatten hat. Ein guter Vergleich sind da heimische Äpfel. Sie sind in Deutschland gepflanzt, gewachsen und geerntet. Damit der Deutsche die heimischen Äpfel auch im  Frühling und Sommer verzehren kann – wo sie absolut keine Saison haben – werden sie eingelagert. Das verschwendet Energie ohne Ende und trotzdem können die wenigsten auf ihre heimischen Äpfel verzichtet. Da redet man sich dann ein, dass man ja nur regionale Produkte futtert und hätte mit einem Übersee Apfel der Ökobillanz einen viel größeren Gefallen getan. Jede Münze hat ihre zwei Seiten und so ist es eben auch mit dem eigenen Konsum. Das sollte jeder beherzigen, der mit dem hippen Matcha Latte in der Hand zum Boykott von Erdbeeren und veganem Käse aufruft.