Die Wahrheit über Foodsharing 

Ist Sharing immer Caring?

Nein, an dieser Stelle folgt kein Artikel in Bild-Manier, auch wenn die Überschrift dies vielleicht vermuten lässt. Tatsächlich ist aber nicht immer alles Gold was glänzt und das musste ich nun leider erneut feststellen. Schon vor vielen Jahren bin ich das erste Mal auf Foodsharing aufmerksam geworden – damals noch in Berlin – und habe mich aktiv am Fairteilen beteiligt. Seitdem ich nun nach Wuppertal gezogen bin, bin ich hin und wieder auch hier zum Fairteiler gestiefelt, aber eher unregelmäßig. Erst seit einigen Wochen bin ich wirklich aktiv dabei und mindestens einmal die Woche vor Ort, was auch daran liegt, dass ich direkt an einem der örtlichen Fairteiler wohne. Als aktiver Teilnehmer bekommt man aber automatisch auch die nicht so schönen Momente dieser Bewegung mit…

Allem anderen vorweg muss ich sagen, dass Foodsharing die beste Erfindung der letzten Jahre ist – mit weitem Abstand – und unendlich viele Vorteile und positive Dinge mit sich bringt! Dazu schreibe ich später auch noch mal mehr, aber ich nehme immer lieber die schlechten Dinge vorweg, damit die guten Dinge dies wett machen! Wenn es darum geht Lebensmittel zu retten, haben nicht alle dasselbe Verständnis von Fairness. Ich hatte letztens erst in einem Gespräch mit einer der örtlichen Fairteiler-Helfer dieses Thema und musste feststellen, dass nicht nur ich diese Wahrnehmung habe. Es ist egal ob nun hier, in meiner alten Heimat (dem Fairteiler in Duisburg und Essen) oder in Berlin – überall zeichnen sich immer und immer wieder die selben Schemata ab und das ist echt traurig. Menschen suchen den Fairteiler auf und stopfen sich fünf bis sechs Taschen voll. Man bekommt das Gefühl, dass man krampfhaft einfach den anderen nichts gönnt. Da ich solche Gefühle ungern einfach in mir brodeln lasse, habe ich auch in der Vergangenheit gezielt schon betroffene Personen angesprochen und gefragt wieso sie so handeln. Denn der Sinn dahinter bleibt mir tatsächlich irgendwie fern? Man rettet Lebensmittel – davon so viel, dass man sie niemals in der nötigen Zeit verbrauchen könnte – nur um sie dann zuhause zu entsorgen… damit sonst niemand was davon hat… echt jetzt? Man könnte nun annehmen, dass diese Menschen für andere Lebensmittel mit retten, aber auf meine Nachfrage hin fühlten sich einige entweder ertappt und sind wütend davongezogen oder haben mir wortwörtlich gesagt, dass sie eben das beste haben wollen und es zur Not einfrieren. Jeder ist sich selbst der Nächste – wohl auch beim fairen Fairteilen.

Ich persönlich nehme mir meist lieber zu wenig als zu viel, ehe ich selbst etwas vernichten muss oder eben andere nichts mehr haben. Natürlich gibt es auch viele, die dies genau so handhaben und die „schwarzen Schafe“ sind keine Mehrheit, dennoch fallen eben diese sehr negativ auf und sorgen für Unmut in der Bewegung. Viele Menschen – vor allem jene, die von Foodsharing noch nie etwas gehört haben – reagieren zudem sehr negativ auf das Ganze. Da werden in einem Café, welches eine Ecke für den Kühlschrank zur Verfügung stellt, Menschen verbal angegangen, die sich eben dort bedienen oder man wird beim wöchentlichen Fairteilen negativ beäugt und sogar aktiv denunziert, weil man nicht bedürftig genug aussieht und hier sind wir an dem Punkt, an dem Aufklärung wichtig wird!

Wie bedürftig muss man sein um beim Foodsharing mitmachen zu dürfen?
Die Antwort ist so einfach wie fairteilen selbst: gar nicht! Foodsharing ist für jeden da! Egal ob es nun der Anwalt ist, der im Monat 3000€ netto verdient oder jemand, der seit Monaten in einer misslichen Lage ist und Hartz4 bekommt. Viele verwechseln Foodsharing mit der Tafel und trauen sich nicht zum Fairteiler zu gehen, weil sie Angst haben bedürftigen Menschen ihr Essen zu klauen. Aber darum geht es hier gar nicht! Wichtig ist nur, dass man Lebensmittel vor der Tonne retten möchte. Niemand muss ein schlechtes Gewissen haben, weil er/sie sich dort Lebensmittel mitnimmt. Genau so ist niemand gezwungen Lebensmittel zu tauschen. Man muss nicht zwei Äpfel in den Fairteiler legen um sich zwei Tomaten nehmen zu dürfen. Man nimmt sich was man braucht und vor allem wirklich VERbraucht und tut damit was Gutes: man rettet Lebensmittel vor der Tonne! Denn alles was im Fairteiler landet wäre sonst im Müll gelandet. Und bei den folgenden Bildern werdet ihr sehen, dass dies meist Sachen sind, die alles andere als schlecht sind. Allein diese Tatsache ist so traurig, dass viel mehr Menschen von Foodsharing erfahren sollten.

 

 

Die deutsche Verbraucherzentrale klärt auf, wieso Lebensmittel retten so unabdingbar ist: Jahr für Jahr landen in Deutschland rund 11 Millionen Tonnen Lebensmittel im Wert von circa 25 Milliarden Euro im Müll. Um diese Menge zu transportieren, sind 440.000 Sattelschlepper notwendig. Hintereinander gestellt, ergibt das die Strecke von Oslo nach Lissabon und zurück! Zur Verschwendung tragen alle bei: Hersteller, Landwirtschaft, Handel und Verbraucher. In der Landwirtschaft werden Erzeugnisse, die nicht marktfähig sind untergepflügt, weil sie in Form, Farbe oder Größe abweichen oder zu niedrige Preise erzielen. Der Handel entsorgt Lebensmittel kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums. Bäckereien bieten Brot vom Vortag häufig nicht mehr an, sondern werfen es weg. In Kantinen müssen Buffetreste aus hygienischen Gründen entsorgt werden und Verbraucher kaufen oder kochen zuviel oder lagern Lebensmittel falsch. Der verschwenderische Umgang mit Lebensmitteln wirkt sich negativ sowohl auf die Umwelt und die Ressourcen als auch die Versorgung vor allem der Bevölkerung in den ärmeren Ländern aus. Mit jedem weggeworfenen Lebensmittel ist ein hoher Verbrauch an Energie, Wasser und anderen Rohstoffen in der Kette vom Anbau bis zum Handel verbunden. Beispielsweise werden für die Menge der weggeworfenen Lebensmittel knapp 30 Prozent der weltweit verfügbaren Anbauflächen unnötig „genutzt“.

 

Was allein in Haushalten weggeworfen wird, zeigt die folgende Grafik:

Quelle: Cofresco 

 

Täglich landen so weltweit mehrere Tonnen an Lebensmitteln im Müll – ein Drittel aller produzierten Lebensmittel weltweit – einige Firmen produzieren mittlerweile sogar nur noch für die Tonne, weil es häufig günstiger ist die Lebensmittel zu vernichten, als die Maschinen abzustellen. Aber nicht nur Firmen vernichten Täglich sondern auch Supermärkte. Alles was am Ende des Tages nicht mehr schön anzusehen ist landet in der Tonne. Um dafür zu sorgen, dass ein paar Kilo weniger täglich im Müll landen fahren freiwillige Menschen die Supermärkte ab und sammeln die Lebensmittel dort ein. Eben diese eigentlich noch frischen Lebensmittel landen sonst in der Tonne, nur weil die Gurke nicht gerade ist oder die Banane braune Flecken bekommt, denn vielen Menschen fehlt leider das Verständnis für Lebensmittel. Häufig ist man der Meinung, eine braun werdende Banane ist schlecht und nicht reif. Oder man nimmt an, dass es „sicher tödlich ab“ und nicht „mindestens haltbar bis“ heißt.

Ich fürchte, dass sich diese Sicht so schnell nicht ändern wird und ich bin immer wieder auf neue überrascht wie wenig Menschen Foodsharing eigentlich kennen. Immer häufiger erzähle ich Freunden davon, die die Idee super finden, aber ebenfalls denken, dass sie doch gar nicht bedürftig genug für sowas sind. Diese Bedürftigkeit scheint wirklich DAS Thema zu sein. Ich kann euch sagen, dass ich nun wirklich weder vom Fleisch falle noch arm bin und mir nichts leisten kann – auch wenn ich ab und an, gerade zum Ende des Monats hin, auf mein Geld achten muss und auch schon mal nur von Nudeln mit Tomatensoße lebe – bedürftig im allgemeinen Verständnis würde ich mich nicht nennen. Dennoch gehe ich zum Fairteiler. Oft sogar mehrfach die Woche. Nicht, weil ich geizig oder gar gierig bin oder anderen Menschen etwas wegschnappen möchte, sondern weil ich Lebensmittel rette möchte und genau darum geht es beim Foodsharing. Ich freue mich, wenn ich dort noch einen Salat finde und muss häufig mit erschrecken feststellen, dass dieser noch so knackig ist, dass er locker noch eine Woche frisch bleibt. Ich habe schon ganze Mahlzeiten aus dem Fairteiler zubereitet und sie waren nicht nur super lecker, sondern auch noch super frisch! Natürlich ist die Tatsache, dass Foodsharing kostenlos ist super, aber das sollte eben nicht der Hauptgrund sein, aus dem man dieses Angebot nutzt – denn dann passiert so etwas wie am Anfang beschrieben. Man gerät in den „Ach – ist ja kostenlos, da nehme ich direkt mal mehr mit“- Gedanken und löst dabei unwohl bei vielen Mit-Teilenden aus. Hinter jedem Fairteiler stehen Menschen, die freiwillig in ihrer Freizeit zu Supermärkten fahren, die Lebensmittel dort abholen und sie zu einem Ort bringen, an dem sich jeder Mensch bedienen darf. Auch das Vergessen viele andere leider immer wieder!

Als ich meine Küche nach dem Umzug aussortiert habe musste auch ich feststellen, wie viel sich in den Schränken tummelte, was ich seit Jahren nicht in den Fingern hatte und von dessen Existenz ich nicht einmal mehr wusste. Am Ende habe ich daraus eine Box geschnürt und sie zum Fairteiler gebracht – irgendjemand hat sich dann aus den Dingen die ich nicht mochte oder von denen ich einfach zu viel hatte eine leckere Mahlzeit gezaubert, ehe ich sie in die Tonne geworfen hätte. Allein diese Tatsache ist doch schon wunderbar, oder nicht? Einige Freunde konnte ich dazu schon animieren, bei sich auch auszumisten und vielleicht habt ihr auch noch Dinge rumstehen, die euch einfach nicht schmecken? Vielleicht wollt auch ihr dazu beitragen, dass endlich weniger Lebensmittel im Müll landen? Im Internet findet ihr ganz einfach die Fairteiler in eurer Nähe. Vielleicht stattet ihr ihnen ja auch mal einen Besuch ab und überzeugt euch davon, dass an Foodsharing nichts Verwerfliches ist. Es bietet wirklich (fast) nur Vorteile!