Heute stelle ich euch meine quasi Nachbarin vor – Insa von Squirrel of Nom wohnt nämlich ganz in der Nähe meiner Heimat, mittem im Herzen des Ruhrgebiets. Insa meldete sich glücklicherweise auch auf meinen Interviewaufruf. Ich folge dem Eichhörnchen schon eine ganze Weile, weil ich nicht nur die Fotos sondern auch die Rezepte und die Geschichten dahinter wirklich liebe. Die Foto sind wirklich gut (Ihr kennt ja meinen Fetisch!). Wirklich, wirklich! Die meisten Blogs sind eher süß oder gesund angehaucht – bei Squirrel of Nom findet man eher Soulfood und ich persönlich finde das mehr als großartig. Am liebsten hätte ich Insa als Arbeitskollegin, weil sie ständig für ihr Kollegen bäckt. Wer wünscht sich sowas nicht?! Ich freue mich sehr, dass sie hier dabei ist und für euch aus ihrem Nähkästchen plappert. Sie hat sich für alle Antworten wirklich massig Zeit genommen und dieses Interview hier ist mit Abstand eines meiner Liebsten..

Wir fangen auch hier mit der langweiligen Standardfrage an: Wie bist Du dazu gekommen vegan zu leben?

Ich glaube, da bin ich einen relativ klassischen Weg gegangen. Man fängt an zu kochen, setzt sich damit auseinander, was man so ins Essen reinpackt. Nach einer Dokumentation über Hühnerhaltung in Deutschland habe ich (zusammen mit meinem Lebensgefährten) erst mal angefangen weniger Fleisch zu essen, nur noch bio… Irgendwann war es mir zu anstrengend zum Biomarkt zu laufen und bei Einladungen Essen auszuschlagen, weil es nicht meinen damaligen Ethikstandards entsprochen hat. Da habe ich dann erst angefangen vegetarisch zu leben. Nach einem Sommer mit sehr viel Käse habe ich dann angefangen immer mehr Tierisches von meinem Speiseplan zu streichen. In meinem Umfeld kamen auch immer mehr vegane Inspirationen dazu. Meine Freunde Sarah und Dennis, die heute die Krümelküche, Duisburgs erstes veganes Café, führen, haben damals noch in ihrem Wohnzimmer als Café Mousebear großartigen Kuchen an mich verfüttert. Zu sehen, dass „was kannst du eigentlich noch essen?!“ nicht mit Schulterzucken, sondern „Schwarz­wälder­kirschtorte!“ beantwortet wurde, war toll. Mit so Antworten konnte ich gut leben und habe irgend­­wann den Absprung gemacht vegan zu werden.

Fiel Dir die Umstellung damals schwer?

Das schwierigste an der Umstellung war nicht das vegane Essen, sondern eher der soziale Aspekt. Für mich ist Essen machen, Menschen bewirten und eben einfach nur essen eine gemeinschaftliche Angelegenheit. Viele Gerichte haben ja auch ihren Platz in der persönlichen Geschichte. Wenn man dann gegen den Strom bestehender Tradition schwimmt, kann das manchmal etwas anstrengend sein. Inzwischen haben wir viele neue Essenstraditionen geschaffen und da ich das Glück habe viel kulinarisch talentierte Freunde und Familienmitglieder zu haben, essen wir alle immer gut.

Wie kam es dazu, dass Du das bloggen gestartet hast?

Das war eigentlich eine Frage der Übersichtlichkeit. Ich habe angefangen auf meine privaten Facebookprofil Bilder von meinem Essen zu teilen und einige Freunde waren an den Rezepten interessiert. Sowas in Bildunterschriften abzubilden ist einfach mühselig, unübersichtlich und etwas anstrengend – da habe ich mich nach Alternativen umgesehen. Und ein Blog schien ganz praktisch um bessere Formatierungen und mehr als ein Bild zu integrieren.

Was würdest Du jemandem als Tipp mit auf den Weg geben, der das Bloggen beginnen möchte?

Wenn es ein Food Blog sein soll: Lass dich inspirieren, probier Neues aus und bleib dran. Ein Blog, das man nur alle vier Monate mit einem halbherzigen Post befüllt, ist nicht so schön. Nicht jedes Bild muss perfekt sein und manchmal sind auch Sachen, die für dich ganz simpel und selbstverständlich sind für andere Neuentdeckungen!

Was ist Dein persönliches Lieblingsrezept, von Deinen Rezepten – und wieso?

Oh, das ist schwer. Ich esse so viele Sachen so gerne! In süß müsste ich da wohl die Brownies nennen. Die sind echt gehaltvoll, aber auch echt lecker. Das Rezept habe ich in vielen Testversuchen aus einem omnivoren Rezept, das zur Hälfte aus Eiern bestand, abgeleitet, damit ich endlich den brillanten Brownie Cheesecake nachbauen konnte, den ich in einem veganen Café in Philadelphia gegessen habe (Grindcore House). Herzhaft mag ich ja noch viel lieber als süß – und da liebe ich meine Käääsesauce. Die geht für alles: Nachos, Burger, Mac’n’Cheese, zum Überbacken, auf Sandwiches. Die geht einfach immer.

Gibt es Dinge am vegan sein die Dich nerven oder die Dir schwer fallen?

Ich finde es manchmal anstrengend, wenn man sich dafür rechtfertigen muss, wie andere Veganer sich verhalten oder wie andere Leute denken, wie andere Veganer sich verhalten. Aber ansonsten geht das so schon alles in Ordnung. Ich lebe viel zu gerne so, wie ich lebe, als dass ich groß Lust hätte mich wirklich von irgendwas nerven zu lassen.

Und nun zu Dir als Person:

Welcher Mensch kommt Dir in den Sinn, wenn Du das Wort „Erfolg“ hörst – und warum?

Ich habe jetzt nicht einen einzelnen Menschen und eine Lebensgeschichte, die ich mit dem Wort „Erfolg“ verbinde, es sind eher Momente und Situationen. Viele Situationen sind dann direkt aus meinem privaten Umfeld, sodass ich sie hier nicht breit treten möchte, aber ich bewundere oft Entscheidungen, in denen Menschen auf etwas beharrt und nicht locker gelassen haben und dann zum Ziel gekommen sind. Über den eigenen Schatten springen und etwas tun, was Nerven und/oder Kraft kostet, das sind für mich Erfolgsmomente. Das kann zum Beispiel sein, dass man eine Gehaltserhöhung durchboxt oder dass man sich eingesteht, dass man bei etwas Hilfe braucht.

Auf welchen Werten beruhen Deine täglichen Handlungen, Entscheidungen und Pläne?

Ich gebe mir Mühe so zu handeln, dass ich niemandem auf die Füße trete und im besten Fall vielleicht sogar noch Menschen helfen kann voran zu kommen. Mir ist ein gesundes Miteinander wichtig, privat wie im Beruf. Ich bin nicht so der „Nach mir die Sintflut“-Typ und versuche nach Möglichkeit Sachen besser zu hinterlassen als ich sie bekommen habe. Das geht nicht immer, aber nichts ist perfekt. So eine Einstellung bietet auch Angriffsfläche, darum muss man aufpassen, dass das nicht überbeansprucht wird – aber mir ist es wichtig, dass ich so plane und in meinem Leben rangiere, dass ich mir im Spiegel immer noch ins Gesicht schauen kann ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

Welche Hoffnungen hast Du?

Dass mehr Menschen Empathie lernen (anderen Menschen, wie auch Tieren gegenüber), dass ich meine Doktorarbeit abschließe, dass irgendwann mehr Leute glücklicher sind.

Und welche Hoffnungen hast Du längst aufgegeben?

Ich hatte mal den Wunsch zu habilitieren und irgendwann eine Uni-Professur zu haben. Die Zeiten sind aber vorbei. Der akademische Bereich ist leider voll von gut ausgebildeten, unterbezahlten Leuten, gut Stellen sind rar und das Ganze ist mir nicht mehr so wichtig, wie es mir mit Mitte 20 war. Ich wünsche mir, dass Universitäten und Hochschulen bessere und fairere Arbeitgeber werden, aber ich bereue nicht, dass ich meine Hoffnungen und Pläne dort aufgegeben habe.

Was würdest Du heute Deinem jüngeren ich raten?

Sei entspannter, miss dich weniger an anderen. Lass dir nicht einreden, an deinem Körper wäre irgendwas nicht richtig. Glaub mehr an dich und bevor du behauptest, Oliven würden nicht schmecken, probier halt mal die guten.

Welcher Job war der schlimmste den Du je hattest?

Schlimm ist da jetzt übertrieben, aber ich habe mal während meines Studiums ein Praktikum gemacht, in dem ich echt gut darin geworden bin Post zu sortieren und Wasser zu tragen. Ich hab mir dann die Freiheit genommen, das gewonnen Post- und Wasserwissen zu nehmen und zu kündigen. Man sollte nicht direkt bei solchen Herausforderungen aufgeben, aber das heißt nicht, dass man sich ausnutzen lassen muss.

Was glaubst Du, nimmt man Dir öfter übel?

Ich erinnere mich nicht immer an Namen und Gesichter. Gelegentlich in Kombination, manchmal einzeln. Das heißt, dass ich manchmal Leute treffe, die ich schon sehr oft gesehen habe und trotzdem in dem Moment vollkommen auf dem Schlauch stehe und mich einfach mal ganz freundlich vorstelle als hätten wir uns noch nie gesehen. Alternativ erkenne ich die Gesichter, weiß aber absolut nicht mehr den Namen der Person. Das muss für ein Gegenüber echt mies sein, aber ich mache das nicht aus Desinteresse oder Arroganz, sondern entdecke da einfach die schwarzen Löcher meines Gedächtnisses.

Was würdest Du selbst für viel Geld nicht tun?

Dinge wie schlachten, generell Dinge, die Töten involvieren. Prostitution möchte ich auch nicht machen. Ich befürchte, je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Dinge fallen mir ein. Zum Glück habe ich auch eine Handvoll Dinge gefunden, die ich für Geld machen möchte.

Wie sieht die erste Stunde Deines Tages aus?

Unter der Woche werde ich meistens davon wach, dass mein Kater meint, es sei JETZT Zeit für Essen. Um zu verhindern, dass er alles von meinem Nachttisch abräumt, werfe ich dann gerne mal ein paar vorsorglich unter dem Kopfkissen verstaute Stückchen Trockenfutter in eine Ecke des Schlafzimmers, damit die Fellkartoffel hinterher hechtet. Danach kann ich meistens noch ne halbe Stunde schlafen. Dann gibt es so die grobe Badezimmerroutine mit Waschen, Zähne putzen, anziehen, Augen­brauen aufmalen. Während der Mann die wilde Bestie richtig füttert, mache ich uns Frühstücks­sandwiches zum Mitnehmen auf die Arbeit. Und dann bin ich schon an dem Punkt, an dem ich mit zwei Hauptmahlzeiten plus Snacks in der Handtasche in Richtung Arbeit düse. Manchmal singe ich im Auto. Inbrünstig und mit ausgesprochen mäßigem Talent.

Wem wärst Du lieber nie begegnet?

Da musste ich lange überlegen und mir sind eine Hand voll Leute in den Kopf gekommen. Aber ich möchte ihnen nicht in einem Interview die Anerkennung geben, dass das, was sie getan haben so relevant gewesen wäre, als dass ich es öffentlich ansprechen würde. Mein Vater hat früher gerne gesagt, wenn wir uns beim Abendessen über Leute aufgeregt haben: „Wenn Person XY so furchtbar ist, dann ladet sie doch bitte nicht an unseren Tisch ein, in dem ihr über sie redet.“ Also lade ich die wenigen Leute, die ich wünschte nie getroffen zu haben, nicht in dieses Interview ein.

Wie stellst Du dir Armut vor?

Anstrengend und demotivierend. Man muss hier sicher aber noch differenzieren, ob wir von Armut in Deutschland sprechen oder zum Beispiel von Armut in einem Entwicklungsland. Armut hier kann Hartz IV (oder auch Armut trotz Arbeit, Altersarmut etc.) bedeuten, was schwierig genug sein kann. Armut in einem Entwicklungsland involviert ja oft Aspekte wie: Keine Toiletten/Kanalisation, weder eine Krankenversicherung noch die Verfügbarkeit von medi­zin­ischer Versorgung, selbst man das finanzieren könnte, fehlende Bildungs-/ Fort­bildungs­mög­lichkeiten entweder, weil es kein Angebot gibt oder man arbeiten muss um zu überleben statt sich darüber Gedanken zu machen, was sein könnte. Arm zu sein heißt für mich viele Privilegien und Freiheiten zu verlieren, die wir oft als Normalität wahrnehmen. Ich lebe in einem Land, in dem ich (als weiße Frau mit deutschem Namen und überdurchschnittlichem Bildungsgrad) die Wahl habe vegan zu leben, zu wählen, arbeiten zu gehen, Wohnungen zu mieten, ohne dass jemand beim ersten Anruf und der Nennung meines Namens sagt, die Wohnung sei schon weg, obwohl sie weiterhin ausgeschrieben ist.

Wenn Du eine Stadt wärst, welche wärst Du und wieso?

Was? Ich kann eine Stadt sein? Großartig.

Ich bin definitiv nicht New York. Da gibt es zwar viel Kulinarisches, aber ich bin viel zu faul für das Tempo, das da vorgelegt wird. Und die U-Bahn-Tunnel sind auch marode. Was würde das über mich aussagen? Trotz meiner Wahlheimat Duisburg, wäre ich wahrscheinlich Essen. Der Name der Stadt spricht für sich. Außerdem ist Essen vielfältig interessiert, multilingual, ein bisschen dreckig, manchmal zu laut und auf jeden Fall immer Ruhrpott.

Wenn Du als Tier wiedergeboren wirst, welches möchtest du sein?

Eine Katze oder ein Faultier. Ich möchte das nicht weiter kommentieren. 🙂

Welchem Film muss man zwingend gesehen haben?

Zwingend? Keinen. Optional mit starker Empfehlung? Da könnte ich hier jetzt eine lange Liste von Filmen aufstellen, die ich toll finde, die mich bewegt haben und die ich für sehenswert halte. Aber wenn ich mich für heute auf einen einzelnen beschränken würde, empfehle ich Jim Jarmuschs Only Lovers Left Alive mit Tilda Swinton und Tom Hiddleston. Tolle Farben und Bilder, gute Musik und überhaupt eine sehr eindrückliche Erfahrung.

Welche 3 Bücher haben Dich am meisten beeinflusst?

Ich lese sehr gerne und bin entsprechend durch den Konsum von Literatur in vielen Lebenslagen inspiriert oder beeinflusst, ohne dass es mir direkt bewusst ist. Hier drei Kandidaten rauszusuchen, die mich am meisten beeinflusst haben, ist wirklich schwierig. Aber ich versuche es mit dem „including, but not limited to“ Ansatz. In Bezug auf meine Lebensgewohnheiten hat mich sicher Eating Animals von Jonathan Safran Foer beeinflusst. Klare Worte über offensichtliche Realitäten – und da ich andere Bücher von JSF auch mochte, was das ein guter Einstieg. Pippi Langstrumpf. BÄM. Ich bin als rothaariges Kind mit Schweden liebenden Eltern aufgewachsen. Da führte kein Weg um Pippi herum. Ungeachtet aller Diskussionen über die Wortwahl bei der Berufsbezeichnung von Pippis Vater, war Pippi ein Charakter, der mir gezeigt hat, dass rothaarige Mädchen stark sein und Dinge bewegen können. Das war mir als Kind natürlich nicht direkt bewusst, aber es tut gut, wenn man sich als Kind in einem Buch wirklich wiederfindet und eine Beziehung zu den Charakteren aufbauen kann. In Retrospektive finde ich jetzt immer wieder ein paar Punkte wieder, bei denen ich mich fühle wie eine erwachsene Pippi. In Büchern von Haruki Murakami kann ich mich verlieren. Ich liebe die Stimmung, die sein Schreibstil bei mir auslöst. Repräsentativ für die vielen großartigen Romane und Kurzgeschichten, die er geschrieben hat, nenne ich hier mal „Naokos Lächeln“. Wer seine Bücher kennt, weiß, dass es viel um Essen, Katzen, Musik und sehr alltägliche Dinge geht – je nach Roman gemischt mit komplett unerwarteten Ereignissen und Paralleluniversen. Die Bücher haben mich anders beeinflusst als Pippi und Eating Animals, aber Murakami zieht mich immer wieder, auch wenn ich das Buch zum dritten Mal lese, in eine Welt hinein, die mich ausgleicht und glücklich macht.

Wenn Du den Rest Deines Lebens nur noch 3 Dinge essen könntest, welche wären das?

Drei Gerichte oder drei Lebensmittel? Ich hoffe, hier geht es nicht um die Nährwertdichte, denn ansonsten hätten wir jetzt ein großes Problem mit Mangelernährung! Drei Lebensmittel würde wirklich selektiv, darum belasse ich es bei drei Gerichten: Pizza, Burger, Sommerrollen – bei allen dreien kann man wunderbar variieren, sodass es nicht langweilig wird. Außerdem sind alles Gerichte, die ich nie für mich alleine machen würde und darum sichergestellt wäre, dass ich den Rest meines Lebens einen Tisch mit mindestens einer Person teile.