Adopt don’t shop

Oder: wie ich mit einer einzigen Entscheidung drei Leben für immer änderte

Die meisten werden es mitbekommen haben: meine kleine Familie hat Zuwachs bekommen! Seitdem bekomme ich viele Mails mit Fragen zu der kleinen Fellnase und damit ich nicht dauerhaft Copy und Paste Mails verschicken muss, nutze ich diesen Blog und schreibe euch direkt einen Beitrag dazu! Hier findet ihr am Ende quasi eine Art F.A.Q. zu dem neuen Familienmitglied und einen kleinen Einblick in den Beginn unserer gemeinsamen Reise.

Wie kam es eigentlich dazu, dass ich plötzlich einen neuen Hund an meiner Seite habe? Mitte letzten Jahres war ich mit meinem alten Herren beim Tierarzt. Benji hörte plötzlich auf zu fressen und wirkte irgendwie einsam, beinahe depressiv. Nunja – er ist auch nicht mehr der jüngste. In diesem Jahr wird er schon 9 Jahre alt und somit ist es mehr oder weniger normal, dass er viel schläft, weniger spielt und dass sich auch an seinen Fressgewohnheiten was ändert – aber so sehr, das lies mich schon grübeln. Der Tierarzt war sich sicher, dass der kleine Mann einfach noch einen Gefährten braucht. Immerhin sind Hunde im Kern nach wie vor Rudeltiere und abgesehen von mir war da nicht viel mit Rudel. Für mich war dann also klar, dass wir ein neues Familienmitglied bekommen werden! Zum einen erleichtert es mir später den Abschied von meinem alten Gefährten – immerhin war Benji mit mir schon auf großen Reisen und lebt bei mir seitdem er 14 Wochen alt war – und zum anderen verschönert es ihm die Zeit, die er noch hat.

Auch Benji war damals nicht vom Züchter gekauft. Er ist zwar ein reinrassiger Malteser, aber wirklich geplant oder gar gewollt war das nicht. Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen: ich saß in der Küche mit meiner Mutter und jammerte, dass ich so einen kleinen „Handtaschenhund“ nicht will. Aber am Ende sucht man sich nicht aus wen genau man rettet! Benji holten wir damals aus schlechter Haltung. Er hatte bis dato noch nie eine Wiese gesehen, lebte nur im Keller. Alles was er hatte war eine alte Stuhlunterlage als Schlafplatz und viel Missmut der damaligen Besitzer. Kaum lebte der kleine Mann bei uns stelle sich raus, dass er Milben im Ohr hatte, diverse Würmer im Körper und noch nie eine Impfung bekommen hatte. Noch heute hat er Probleme beim laufen, weil eines seiner Beine durch „Haltungsfehler im Kindesalter“ kürzer ist und ich frage mich nach wie vor, wie Menschen so mit diesen kleinen Lebewesen umgehen können, Leider ist dieser Umgang fast schon Gang und Gebe und auch bei Gizmo wurde ich nicht vom Gegenteil überzeugt. Eigentlich sollte Benji damals nur zum Übergang bei uns bleiben – wir wollten keinen Hund und nur dafür sorgen, dass er in gute Hände kommt. Was soll ich sagen? Mittlerweile ist mein felliger Begleiter schon zweimal mit mir umgezogen und liegt gerade schnarchend neben mir.

Auf der anderen Seite liegt Gizmo, während ich diesen Beitrag hier für euch verfasse, und beobachtet Benji beim schlafen. Es ist fast schon süß, wie er sich krampfhaft versucht wach zu halten, um ja nichts zu verpassen. Gizmo war eigentlich ein Unfall. Für mich war schon lange klar, dass ein neues Hund einziehen darf und soll – für mich war aber auch definitiv klar, dass es keine Welpe wird. Ich weiß wie viel Arbeit die Aufzucht einer Welpe ist und offen gestanden hatte ich dazu nicht nochmal den Nerv. Wer mich kennt weiß, dass ich nicht gerade die geduldigste Person bin.

Zunächst hatte ich mich in diversen Tierheimen in der Nähe umgesehen. Alle Hunde für die ich mich interessierte wurden mir nicht zugesprochen. An dieser Stelle hatte ich zunehmend den Glauben und die Hoffnung in Tierheime verloren – es wurden Ansprüche an mich als Halter gestellt, die utopisch waren. Am besten wäre es gewesen, ich hätte ein 100qm Haus mit Garten, ein Vermögen auf der hohen Kante und keinen Job, damit ich 24/7 für den Hund da sein konnte. Da war es egal, dass ich bereits einen Hund gerettet hatte und diesen seit vielen Jahren sehr souverän und gesund groß gezogen habe. Mein nächster Weg ging also zu Vereinen die die Hunde größtenteils aus dem Ausland retten. Hier kam ich auf diverse Wartelisten. Für mich war aber zum einen wichtig, dass es quasi Liebe auf den ersten Blick war und zum anderen, dass die Hunde sich riechen können. Letzteres ist schwer bei Vereinen, die Hunde aus dem Ausland retten. Man möchte immerhin keinem Tier ein neues Zuhause in Aussicht stellen und nach einigen Wochen einsehen, dass es einfach nicht klappt. Für mich war auch klar, dass ich mit meiner Planung zur Selbstständigkeit und „nur“ 60qm durch jedes Raster dieser Organisationen fallen würde, also gab es noch einen dritten Weg: kalaydo und ebay Kleinanzeigen. Gerade im Januar sind beide Portale voll mit Hunden die zu Weihnachten verschenkt wurden und nun wieder weg sollen. Traurig, leider aber wahr. Ich weiß gar nicht wie viele ominöse und komische Anzeigen ich in den letzten Wochen und Monaten gesehen habe, aber bei keiner hat es bei mir so sehr klick und ALARMALARM gemacht wie bei der Anzeige zum kleinen Gizmo.

„Zwei Welpen – ein Junge, ein Mädchen. Die Hunde sind nicht geimpft. Meine Schwester ist gestorben – ich habe selbst zwei Hunde, die beiden können nicht hier bleiben.“

Mehr stand dort nicht. Dazu zwei unscharfe Bilder und eine Kontaktadresse. Ich weiß bis heute nicht wieso, aber ich habe innerhalb von 2 Sekunden eine Mail an die Urheberin geschickt und dann ergab ein Wort das andere. Bis zu dem Moment, als ich die Wohnung betrat zweifelte ich noch und war mir nicht sicher, ob diese Entscheidung die richtige sein würde. Diese Geschichte mit der verstorbenen Schwester, keine weiteren Angaben zu den Tieren und nur sporadische Bilder. Dazu hagelte es Ein-Wort-Antworten von der Dame. Irgendwie machte das Ganze einen sehr fragwürdigen Eindruck und irgendetwas in mir wollte diesen Hund da raus holen. Seine Schwester war schon anderen Interessenten versprochen und ich hoffe von Herzen, dass sie es dort gut hat! Auch jetzt zweifle ich noch immer an der Geschichte, die die Dame mir auftischte, denn als ich bei ihr ankam traf ich nicht nur auf Gizmo und seine Schwester, sondern noch auf eine weitere Welpe und das Muttertier. Ob die Geschichte mit der Schwester nun stimmt oder nicht werde ich wohl nie erfahren – sicher war nur vom ersten Moment an, dass die Halterin schlichtweg überfordert war. Sie machte nicht den Anschein, dass sie zu der bösen Gattung der Vermehrer gehörte oder gar Züchter wäre – irgendwas war an der gesamten Situation abstrus und surreal, das stellte auch meine Begleitung fest. Die zwei Hunde der Halterin gab es immerhin wirklich und wie es wirkte, konnten sie das Muttertier und ihre Welpen nicht ausstehen. Es machte also schon Sinn, dass die Welpen ein Notfall waren und schnellstmöglich weg mussten. Ehe ich mich versah saß ich wieder im Auto und hatte dieses kleine, unsichere Knäuel auf dem Schoss, das Minuten vorher noch traurig seine Mutter zum Abschied anblickte.

Gizmo sollte er heißen und auf dem Weg ins neue Heim hielten wir in einem Tierfachgeschäft an um ihn mit allem für den neuen Start einzudecken. Und dabei wollte ich alles, nur keine Welpe. Jetzt lebt der kleine ziemlich genau seit einer Woche bei mir und da sind wir an dem Punkt, an dem ich wieder an Menschen zweifle. Egal wie absurd Situationen sind, wenn ich schutzlose Lebewesen in meinem Haushalt habe, dann habe ich mich um sie zu kümmern. Gizmo war voller Würmer – bis unters Kinn. Dass er nicht geimpft war, wusste ich ja bereits und am Ende war es wohl auch diese Tatsache die dafür sorgte, dass meine innere Stimme mir sagte, dass er dort weg muss – aber dass sich die Halter so gar nicht um den 9 Wochen alten Fratz geschert haben ist alles andere als menschlich, schön oder auf irgendeine Weise vertretbar. Jetzt ist der kleine Mann geimpft, entwurmt, auf dem Weg der Besserung und nach einem holprigen Start das offizielle neue Mitglied meiner kleinen Familie.

Adopt don’t shop ist der Titel dieses Beitrags und auch wenn Gizmo quasi gekauft ist möchte ich nochmal darauf aufmerksam machen, dass niemand Geld bei einem Züchter lassen sollte! Bei meiner suche nach einem neuen Gefährten bin ich bei ebay Kleinanzeigen so oft auf den Begriff Deckrüde getroffen, dass mir regelmäßig mein Mittagessen wieder hoch kam. Das Ganze erinnert an Prostitution – auch wenn Hunde einen natürlich Trieb haben – die Muttertiere bei Züchtern werfen nicht nur einmal in ihrem Leben und so eine Schwangerschaft samt Geburt ist für diese kleinen Lebewesen auch nicht das leichteste der Welt. Ihr wünscht euch eine ganz spezielle Rasse? Das ist okay. Trotzdem holt sie euch bitte nicht bei einem Züchter!

Es gibt für fast jede Rasse einen Verein der speziell darauf eingestellt ist und nur diese Rasse oder ihre Mischlinge vermittelt. Ich wollte beispielsweise schon seit Jahren eine Französische Bulldogge. Ein Modehund. Die Zucht boomt. Aber genau deshalb sind bei den Vereinen wirklich oft Muttertiere, die nach mehrmaligem Wurf aus der Zucht entsorgt werden. Ja, ihr lest richtig. Sie werden entsorgt. Eigentlich an die Tötung übergeben, da sie verbraucht und nutzlos sind – aber diverse Vereine greifen dort ein und retten die kleinen Seelen vor der Tötung. Gizmo ist ein Französische Bulldogge-Mops-Dackel Mischling, für die Zucht also zum Glück „nutzlos“ und vor allem wertlos für Züchter. Für Züchter und Vermehrer sind Hunde einfach nur Ware und das sollte nicht durch den Kauf noch bekräftigt werden, denn solange die Nachfrage da ist, ist auch das Angebot vorhanden.

Es ist bei weitem nicht meine Aufgabe euch vorzuschreiben welche Entscheidungen ihr treffen solltet, allerdings möchte ich euch diese Denkansätze einfach mit auf den Weg geben. 

Der kleine Gizmo macht derweil alle verliebt und lässt Herzen nur durch seine Blicke schmelzen. Er liebt die Kamera – kein Wunder also, dass ich mit eben dieser fast nur an ihm und Benji dran bin – dieser Neigung verdanke ich aber auch dieses wunderschöne Titelbild zu diesem Artikel. Mir raubt er dabei den Schlaf, da er mich maximal eine Stunde am Stück schlafen lässt. Meine Wohnung ist jetzt „babysicher“ – nachdem er das Ladekabel meines Laptops durchgefressen hat wurden alle anderen Kabel mit Tabasco beschmiert. Dieser Tipp kam von meiner besseren Hälfte – für mich mit meiner Capsaicin Allergie beinahe tödlich, für den kleinen nur ein unschöner Denkzettel, aber Kabel sind seitdem das uninteressanteste der Welt. Egal wo ich hin trete, überall sind die Spielsachen oder Knochen von dem kleinen Herzensbrecher – und es ist ein ungeschriebenes Gesetz: egal wie teuer das Spielzeug war, Klopapierrolle und Tischbein sind IMMER besser! Ich renne mit der Zewa-Rolle hinter ihm her, setze ihn auf seine Nottoilette und sprinte in der Nacht, in Pyjama und Birkenstocks mit dem Hund raus, damit er lernt draußen machen zu müssen. Mittlerweile hat der Kleine mich mehr als meine Monatsmiete gekostet und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Meine Nerven liegen schon nach einer Woche fast blank – aber wenn ich ihn so sehe, wie er zufrieden auf dem Rücken liegend schläft und schnarcht – was soll ich da sagen? Der Scheiß hat sich jetzt schon gelohnt!